Hier erhielt auch die "Königin" ihre Stimme zurück
Hier erhielt auch die "Königin" ihre Stimme zurück
Ein kleiner Betrieb im bayerischen Schwaben beherrscht die Kunst der Glockenschweißerei - (mit Bild)
Von Jutta Olschewski (epd)
Ganz erbärmlich klirrt und scheppert eine der Glocke auf den Türmen des ehemaligen Klosters in Auhausen (Landkreis Donau-Ries). Der Mesner steigt hinauf und stellt fest, dass die 400 Kilogramm schwere Glocke aus dem Jahr 1340 einen langen Riss hat. Gemeinderat und Kirchenvorstand beraten. Eine neue Glocke für ihr Geläut können sie sich nicht leisten. Da kommt einem der Landwirte im Kirchenvorstand eine Idee. Wenn der talentierte Schweißer im nahen Nördlingen das zerbrochene Zahnrad seiner Mähmaschine reparieren konnte, dann vielleicht auch eine Glocke.
Man schreibt das Jahr 1924 und damit das Geburtsjahr des kleinen Familienunternehmens Lachenmeyer, des bis heute einzigen Betriebs in Europa, der fachgerecht Glocken schweißen kann. Unangefochten sei die Firma auf dem europäischen Markt, sagt Walter Erdt, Glockensachverständiger bei der bayerischen Landeskirche.
"Die Auhausener hatten zunächst Angst, dass sie sich blamieren könnten, wenn sie ihre Glocke reparieren lassen", erzählt der heutige Seniorchef der Firma Lachenmeyer, Hans Lachenmeyer. Damals sei es noch üblich gewesen, kaputte Glocken einzuschmelzen und neu zu gießen. "Den Denkmalschutz hat das damals nicht interessiert", so Lachenmeyer.
Versteckt im Gewerbegebiet steht seine Werkstatt, die in zwei unauffälligen Hallen untergebracht ist. Es riecht nach Metall, Öl, Staub und Zigarettenrauch. Zwei Männer in blauen Overalls stehen an ihren Werkbänken, feilen und drehen. Ringsherum auf Paletten um die Maschinen warten Glocken auf ihre Behandlung: kleine schmucklose und große, mit reichen Verzierungen, alle mit Altersschmutz oder Grünspan überzogen. Manche haben Risse, bei den meisten ist im Innern der sogenannte "Schlagring", auf den der Klöppel trifft, abgeschlagen. Wenn sie in Nördlingen ankommen, vermerken die Handwerker mit Kreide auf den Glocken, wo ihre Heimatstadt ist und schreiben das Gewicht dazu. Es sind derzeit wohl an die 50 Glocken, die ihre Glockenstühle verlassen mussten, weil sie zuletzt Missklänge verbreiteten.
Werkstatt-Chef Thomas Lachenmeyer justiert mithilfe eines Gehilfen eine der größten Glocken. Konzentriert arbeiten die beiden an einem der derzeit prominentesten Patienten. Die Friedensglocke aus der Marienkirche in Rostock soll eine neue Krone erhalten. Ihre drei Geschwister sind auch in Nördlingen dabei. Wie Pastor Tobias Jeremias aus Rostock erzählt, standen alle vier Glocken seit Jahrzehnten nur als Schmuckstücke in der Kirche. Der Reparaturversuch in der DDR kurz nach dem Krieg sei schiefgegangen. Die Glocken hätten gleich wieder Risse gehabt.
Nun in diesen Tagen ist es soweit, die Friedensglocke kommt in den Ofen. Lachenmeyer hat zwar ein Buch über sein Spezialverfahren veröffentlicht, bei einem Besuch will er sich aber nicht zu tief in die Glühkammer schauen lassen. Aber soviel ist klar. Der Ofen wird mit Strom und Holzkohle beheizt, das zu reparierende Stück langsam auf die geeignete Schweißtemperatur gebracht. Nach der Operation an der kaputten Stelle muss anschließend die Glocke ganz langsam abkühlen, sonst war alle Mühe vergebens.
Wer den Firmenprospekt in die Hand nimmt, liest darin Fachausdrücke von Porosität und Phosphor, Nebenrissen und Lichtbogen. Ziel aller Anstrengungen sei es, die Glocken "läutefähig zu erhalten". Inzwischen, so berichtet Glockensachverständiger Erdt, würden andere Firmen in Deutschland und Frankreich das Verfahren kopieren. Es sei aber noch zu früh, um zu sagen, ob sich deren Ergebnisse auch sehen lassen könnten.
Bei Lachenmeyer hat man dagegen in drei Generationen bereits 4.500 Glocken wieder zum Klingen gebracht. Von Schweden bis Spanien rollen die Patienten an, einer kam aus Ohio und Glocken aus afrikanischen Missionsstationen waren auch schon dabei. Die "Königin unter den Glocken des Mittelalters", wie sie Glockenfreunde nennen, die Erfurter "Gloriosa", hat hier nach mehrwöchiger Behandlung im Jahr 2004 ihre Stimme wiedergefunden. "Sie klingt schöner, als je ein heute Lebender gehört hat", urteilte der bundesweit tätige Freiburger Glockenexperte Kurt Kramer. Die Nachhallzeit, die zuvor gut dreieinhalb Minuten dauerte, habe nach der Schweißung bei fünf Minuten gelegen, so Lachenmeyer. Mit 11,4 Tonnen war die "Gloriosa" ein "Leichtgewicht" gegen die größte freischwebende Glocke der Welt, aus dem Kölner Dom, die "St. Peter-Glocke". Das 25.000 Kilogramm schwere Stück trat 1956 seine Reise zu Lachenmeyers ins Schwäbische an.
Einen der kürzesten Wege in die Werkstatt hatte wohl die Glocke, die Auhausener Bauern mit einem Pferdefuhrwerk ins 20 Kilometer entfernte Nördlingen brachten. Sie läutet seit 1924 wieder bis zum heutigen Tag. (1399/Bestellnummern: b10980;-981;-982)


