"Man sieht nur, was man weiß"
Traumatische Erfahrungen prägen Menschen bis ins hohe Alter - Von Rieke C. Harmsen (epd)
Die alte Dame ist eigentlich sehr beliebt in dem Seniorenwohnheim. Doch wenn die Pflegerin sie duschen will, reagiert sie mit panischen Schreien. Der Herr im Zimmer nebenan hortet Geld und Essensreste unter der Matratze. Eine andere Bewohnerin rastet aus, wenn jemand Unbekanntes in das Zimmer kommt. Wenn Senioren gegenüber ihrem Pflegepersonal plötzlich mit Angst, Ekel oder Abscheu reagieren, so hat dies oft tiefer gehende Ursachen. "Meist haben diese Menschen eine traumatische Erfahrung gemacht in ihrer Kindheit oder Jugend", erklärt Sonja Schlegel. Die Sozialpädagogin erforscht seit vielen Jahren den Umgang von Pflegepersonal mit traumatisierten alten Menschen. Bei einer Fachtagung der Inneren Mission München stellte Schlegel die Ergebnisse ihrer Studien vor, die kürzlich in dem Buch "Man sieht nur was man weiß - NS-Verfolgte im Alter" vom Mabuse-Verlag in Frankfurt publiziert wurden.
"Die Zeit des Nationalsozialismus hat bei vielen Menschen tiefe Wunden hinterlassen", erklärt Schlegel. Ihrer Schätzung nach leben in Deutschland rund 80.000 ältere Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Sie waren als Kinder im Konzentrationslager und haben Gewalt und Unterdrückung erlebt. "Oft sprechen diese Senioren nicht über ihre Erfahrungen, weil sie schlechte Reaktionen fürchten oder andere Menschen nicht damit belasten wollen", so Schlegel. Gleiches gelte übrigens für Menschen mit Migrationshintergrund: "Oft wissen wir zu wenig über die Geschichte des Landes, aus dem die Menschen kommen, und verstehen deshalb ihre Ängste nicht."
Im Alter, so die Erfahrung der Sozialpädagogin, würden die Menschen dünnhäutiger und brauchten mehr Zuwendung. "Wenn Senioren, die aufgrund ihrer Erfahrungen in der Kindheit dafür gesorgt haben, dass sie möglichst unabhängig sind, nun plötzlich der Pflege bedürfen, kann es zu massiven Störungen kommen", so Schlegel.
Wie wichtig Emotionen sind, haben auch die Wissenschaftlerinnen Andrea Zielke-Nadkarni und Märle Poser bei Studien festgestellt, deren Ergebnisse ebenfalls in dem Buch nachzulesen sind. Demnach erleben Menschen mit einer Traumaerfahrung den Übergang in den Ruhestand oft als Krise. Sie müssen sich nicht nur von Beruf, Status und Gemeinschaftsleben verabschieden, sondern auch mit dem Verlust der körperlichen Energie arrangieren. Manche reagieren darauf mit Depressionen, andere mit Angst und Panikattaken. Der Umzug in ein Pflegeheim kann als Rückkehr ins Gefängnis erlebt werden.
"Kofferpacken, enge Räume sowie fehlende Privatheit in Zweibettzimmern rufen unter Umständen schreckliche Erinnerungen wach", so die beiden Wissenschaftlerinnen. Grundsätzlich gehe es im Alter vor allem darum, gute und böse Erfahrungen ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn die Kindheit in schlechter Erinnerung bleibe oder verdrängt werde, könne es leicht zum Gefühl von Verzweiflung kommen.
Den Pflegeeinrichtungen kommt daher eine besondere Rolle zu: "Pflegepersonen ersetzen oft die Familie", betont Zielke-Nadkarni. Sie könnten die Betroffenen auffordern, ihre Geschichte zu erzählen und damit die Rolle eines "Historikers" statt eines Opfers einzunehmen. Sozialpädagogin Schlegel plädiert für eine Sensibilisierung des Pflegepersonals getreu dem Goethe-Zitat "Man sieht nur was man weiß". Deshalb gehöre der Umgang mit traumatisierten Menschen in die Ausbildung.
Zu den Tipps für die Pflegeeinrichtungen, die auch in dem Buch genannt werden, gehört etwa die Einrichtung von Erzähl- und Begegnungscafés. "Dort können die Menschen ein soziales Netz aufbauen und Erfahrungen austauschen", so Schlegel. (1761)