Ohne schweres Gepäck das "reine Land" erreichen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ohne schweres Gepäck das "reine Land" erreichen

Bei Immenstadt im Allgäu meditieren bis Sonntag 3.000 Buddhisten

Von Hanna Spengler (epd)

Mit geschlossenen Augen meditiert Yomaira Urquia (33) im Gompa, dem Gebetsraum, auf einem weißen Teppich. Auf dem Kissen vor ihr liegt ein Gebetsbuch. Ihre Fußaußenseiten hat die Südamerikanerin auf ihre Schenkel gelegt, zwischen Daumen und Zeigefinger hält die Buddhistin eine Gebetskette, genannt Mala. Rund 3.000 Buddhisten aus mehr als 40 Ländern nehmen am 18. Internationalen Sommerkurs des Buddhistischen Dachverbands Diamantweg (BDD) rund um das Europa-Zentrum in Immenstadt teil. Das Sommercamp endet am 15. August.

In einem 650 Quadratmeter großen Meditationszelt warten bereits 2.000 Buddhisten auf den Beginn des Kurses zum bewussten Sterben (tibetisch: "Phowa"). Die Teilnehmer haben auf Matten oder Meditationskissen Platz genommen, einige sind in warme Decken gehüllt. Auf einem Podest sitzt ihr buddhistischer Lehrer Lama Ole Nydahl. Der 69-Jährige meditiert mit den Anwesenden dreimal drei Stunden pro Tag. "Ohne schweres Gepäck des Lebens, ohne Leiden und ohne Schwierigkeiten" sollen die Teilnehmer das sogenannte "reine Land" erreichen. Die Meditation ist auf Englisch und wird in fünf Sprachen übersetzt.

"Mit dem Kurs bereiten sich die Teilnehmer auf das Sterben vor", sagt Lama Ole Nydahl. Während der Meditation regt der Däne an, unterstützend Geräusche wie "Hick-Laute auszuprobieren. Später im Interview sagt er: ?Das Bewusstsein wird dabei nach oben geschleudert." Und: "Buddhismus ist keine Glaubensreligion, sondern eine Erfahrungsreligion." Wie Nydahl betont, sind Buddhisten überzeugt, dass die Übung das Mitgefühl im eigenen Geist stärkt und gleichzeitig einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat. Dabei gehe es weniger um Mitleid, sondern darum "mit Weitblick und klarem Verstand das zu tun, was den Menschen langfristig nützt". Nydahl hebt den sozialen Einsatz des Christentums hervor: "Dort wo Hilfe gebraucht wird, sind die Christen immer zuerst da. Da können wir als Buddhisten nicht mithalten", sagt er. "Dafür schenken wir den Menschen geistige Heilung."

Marion Ringhoff (42) aus Darmstadt besucht den Phowa-Kurs bereits zum fünften Mal. Sie sagt: "Durch die Kurse und tägliches Meditieren ist es mir gelungen, meine Angst vor dem Tod und vor dem Leben loszulassen." Der Kurs habe ihr geholfen, "Störgefühle" wie Verwirrung, Zorn und Eifersucht nicht mehr ernst zu nehmen.

Teilnehmer Joe Huang (40) aus der chinesischen Provinz Jiangxi hütet während der Nachmittagsmeditation im Zelt nebenan seine zweijährige Tochter Jana. Um den Chinesen herum stehen schwarze Ikea-Sofas; ein heller Teppich, rote Kissen und Decken sorgen für eine wohlige Atmosphäre. "Für Jana ist es eine gute Gelegenheit in den Energiekreis einzutauchen", sagt der Wahl-Hamburger. Mit Blick auf seine Frau ergänzt er: ?Wir teilen uns die Meditationszeit, dann bekommt jeder was mit."

Die Teilnehmer des Camps, zwischen 16 und 80 Jahre alt, übernachten meist in Zelten am Platz. Viele kommen aus Heilberufen oder aus der IT-Branche. Zahlreich vertreten sind Akademiker. Rund 200 ehrenamtliche Helfer zählt das Vorbereitungsteam des Sommercamps; sie organisieren den Shuttleservice und den Dienst in der Cafeteria sowie in der Küche. "Etwa 250 Helfer brauchen wir pro Tag", sagt Tim Johannessen (26), vom campinternen Jobcenter. Dort können sich die Teilnehmer täglich für anfallende Arbeiten einteilen lassen.

Weltweit gibt es laut BDD rund eine Milliarde Buddhisten. In Deutschland leben davon Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 300.000, davon 100.000 Einwanderer aus Asien. Knapp die Hälfte aller deutschen Buddhisten meditiert in den rund 130 Zentren des BDD, die in der Karma-Kagyü-Tradition stehen. Die tibetische Karma-Kagyü-Schule wurde im 11. Jahrhundert in Tibet gegründet und ist heute sowohl dort als auch im Westen weit verbreitet. Sie gibt vor allem den Diamantweg weiter, der im Westen auch als tibetischer Buddhismus bekannt ist. Daneben gibt es die beiden Hauptströmungen des Alten und des Großen Weg, in denen der Schwerpunkt auf dem Beruhigen des Geistes, dem Erkennen der Vergänglichkeit und philosophischen Studien liegt.

Internet: www.international-summercourse.org (1465)

(Artikel vom 10.08.2010)