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Veröffentlicht auf EPV - Evangelischer Presseverband für Bayern (http://www.epv.de)

Völkerverständigung im Bergdorf

Völkerverständigung im Bergdorf

Junge Menschen aus Krisengebieten lernen Toleranz bei Sommerakademie von "Wings of Hope"

Von Imke Plesch (epd)

Die junge Frau schließt die Augen. Ihr Atem geht schnell, sie hat Mühe, die Tränen zu unterdrücken. "Wo spürst Du den Schmerz?", fragt Diakon Peter Klentzan. "Überall. In jedem Muskel", sagt sie. Vor dem inneren Auge der jungen Irakerin Inaam läuft ein Film ab. Er handelt von ihrer Kindheit im Irak, in der sie als Mädchen trotz exzellenter Noten immer hinter ihren Brüdern zurückstehen musste und auch bei größter Hitze nicht im Fluss baden durfte. Obwohl seitdem 30 Jahre vergangen sind, überwältigt die erlebte Ungerechtigkeit Inaam noch heute.

Peter Klentzan und die zierliche Frau mit den schulterlangen schwarzen Haaren und den dunklen wachen Augen sitzen in der Mitte eines Stuhlkreises, um sie herum knapp 30 junge Menschen. Sie kommen aus Bosnien-Herzegowina, Israel und Palästina und sind Teilnehmer der zweiwöchigen Sommerakademie der Stiftung "Wings of Hope", die seit 2007 auf dem idyllisch gelegenen Labenbachhof in Ruhpolding stattfindet.

Die Stiftung hilft seit 1994 traumatisierten Kindern in Krisengebieten, zunächst in Bosnien-Herzegowina, später auch im Irak, in Israel und Palästina. In Ruhpolding kommen jedes Jahr junge Menschen aus diesen Ländern zusammen, um sich über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg kennenzulernen und Strategien zu lernen, mit denen sie sich später in ihrer Heimat für Toleranz und Friedensarbeit einsetzen können. Dabei werden auch persönliche Traumaerfahrungen aufgearbeitet - wie heute in der Gruppensitzung mit Inaam.

"Diese traumatherapeutische Arbeit ist ein fester Bestandteil unserer Friedenserziehung", erklärt Peter Klentzan, Projektmanager von "Wings of Hope". Das Ziel der Stiftung sei, über Traumata und deren Bewältigung aufzuklären. Friedensarbeit und Traumaarbeit gehörten deshalb zusammen. Nach dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau seien bei vielen Teilnehmern traumatische Erlebnisse hochgekommen. "Aber wir haben die Sicherheit und professionelle Ausbildung, solche Situationen in der Gruppe zu besprechen", betont Klentzan, der selbst ausgebildeter Traumapädagoge und -therapeut ist.

Über zwei Stunden dauert die "Sitzung" mit Inaam. Die Teilnehmer lauschen gebannt, viele wirken betroffen. Später diskutieren einige noch über Inaams Geschichte. "Bei mir hat sie gemischte Gefühle ausgelöst", sagt die junge Israelin Reut. "Inaam hat mir gerade noch mal gesagt, dass sie ihre irakischen Traditionen mittlerweile ganz aufgegeben hat. Das finde ich nicht so gut, obwohl ich selbst nicht religiös bin. Aber wenn jeder seine Traditionen aufgibt, sind wir irgendwann alle gleich."

Auch der 21-jährige Tamer, palästinensischer Christ, ist skeptisch. "Sicher gibt es in der arabischen Welt viel Unterdrückung. Aber wir haben auch viele gute Traditionen." Der Familienzusammenhalt sei zum Beispiel viel besser als in der westlichen Gesellschaft, findet Tamer, der seit drei Jahren in England Wirtschaft studiert. Er ist davon überzeugt, dass der Wandel einer Gesellschaft von starken Individuen kommen muss.

Reut lauscht aufmerksam und nachdenklich. Die 26-Jährige studiert Politik und Physik in Tel Aviv und hatte vor der Sommerakademie noch nie mit Palästinensern gesprochen. "Ich wollte endlich mal die andere Seite kennenlernen", erzählt sie. Sie hatte Angst, dass die Palästinenser die Israelis nur als Soldaten sehen. "Eigentlich tue ich das nicht", erwidert Tamer. "Ich lebe ja schließlich seit drei Jahren schon in England und habe auch viele sehr offene Israelis getroffen. Aber wenn ich in den Sommerferien länger in Ramallah bin, kommt das alte Feindbild doch wieder etwas hoch." Reut erzählt, sie habe in der Sommerakademie viele kleine Dinge vom Alltag der Palästinenser gelernt. Sie hofft, auch nach den zwei Wochen mit ihnen in Kontakt zu bleiben, weil sie sicher immer noch viele Fragen haben werde.

Zum Abschluss des Tages gibt es noch einen Stuhlkreis vor dem Haus. Die untergehende Sonne taucht die Berggipfel in rosarotes Licht, Kuhglocken scheppern im Hintergrund. Inaam bedankt sich noch mal für die ermunternden Worte nach ihrer Traumasitzung. Und dann nimmt Peter Klentzan seine Gitarre und spielt "If I had a hammer". Die 30 jungen Leute, die eben noch erschöpft wirkten von den Eindrücken des Tages, richten sich auf, fangen an mit den Füßen zu wippen und singen gemeinsam und laut. Wenn das mit dem Frieden doch immer so einfach wäre.

Internet: www.wings-of-hope.de [1] (1485)

(Artikel vom 13.08.2010)

URL:
http://www.epv.de/node/6458