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Veröffentlicht auf EPV - Evangelischer Presseverband für Bayern (http://www.epv.de)

Zwei Scheunen voller Schätze

Zwei Scheunen voller Schätze

Religiöses und Kurioses aus dem Raritätenstadl in Polling

Von Annette Krauß (epd)

Angefangen hat alles mit einem BMW 327, Baujahr 1939: Dominikus Weiß, genannt "Mini", kaufte ihn mit 20 Jahren und fährt ihn bis heute. Frisch poliert steht das schmucke Sportauto in der Garage und soll gefahren werden, "wenn ich mal Zeit habe". Die aber hat der hagere, agile 71-Jährige selten, denn täglich räumt er seinem "Raritätenstadl" um. Am Südrand von Polling zwischen Weilheim und Murnau hat Weiß seine Schätze in zwei Scheunen gesammelt und für Besucher zugänglich gemacht. Wo früher Heu und Stroh des Hofes eingelagert wurden, stapeln sich Kunstschätze und Skurriles, Alltagsgegenstände und Kostbarkeiten.

Es gibt fast nichts, was er nicht sammelt. Von der hellblauen Kinderwiege bis zur Leichenkutsche von Herrsching - natürlich komplett mit Sarg und schwarzen Schabracken - versammelt Weiß unter seinen Scheunendächern das, was woanders weggeworfen wird oder in der Ecke steht. Auf Flohmärkten im Umkreis von fünfzig Kilometern wird er fündig - bis nach Füssen oder Starnberg fährt er zuweilen, nur nicht in die Stadt, nach München. Er bleibt lieber dort, wo er sich auskennt - und entdeckt zuweilen ganz besondere Stücke.

Sein jüngster Fund ist ein unscheinbares rotes Papier. Wer es auffaltet, findet neun Quadrate, die mit Heiligenbildern beklebt sind und im Inneren einen kleinen Schatz bergen: Ein Kreuz, eine Medaille, kleine Knochensplitter. All dies ist sehr fragil, offenbar lange benutzt worden. Wer mag dieses volkstümliche Reliquiar bei sich getragen haben? Hatte es vielleicht ein Feldgeistlicher oder ein einfacher Soldat an der Front bei sich? Fragen, die offen bleiben.

Weiß sammelt, was ihm ins Auge fällt: Dinge, die Patina angesetzt haben, die aus der Mode gekommen sind und die dennoch den Betrachtern ein Leuchten in die Augen zaubern. Kindergruppen bestaunen alte Waschmaschinen, die Weiß wieder zum Laufen bringt. Erwachsene entdecken ihren alten Leder-Tornister aus vergangenen Schultagen. Filmleute betteln um Leihgaben - zuletzt für den "Brandner Kaspar" mit Bully Herbig. Zwei Scheunen mit über tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche, so schätzt Weiß. Nein, Listen über seine Schätze hat er nicht, und er liest auch keine Bücher über Antiquitäten. "Ich habe alles im Kopf und merke sofort, wenn etwas fehlt".

Fragt man ihn nach religiösen Dingen, muss er erst mal überlegen. Ein Feldkreuz aus dem 18. Jahrhundert steht im Garten, 1997 hat ein Malermeister der Umgebung das Bild darauf restauriert, und nun leuchtet die Dreifaltigkeit wieder in frischen Farben. In der Scheune greift Weiß ins Regal, wo die Andachtsbücher liegen. Ein "Katholisches Evangelien und Erbauungsbuch" von 1910 ist reich bebildert. "Des Kindes Leitstern", ein Gebet- und Andachtsbüchlein für die fromme Jugend von 1882, ist offensichtlich eifrig benutzt worden, denn die silbrige Farbe des Leder-Einbandes ist abgenutzt.

Gut erhalten sind zwei Büchlein für Eheleute in einer schwarzen Kassette. Im Buch des Mannes finden sich Gebete für die Frau, im Brautbuch entsprechende Texte für den Mann. In einem Kapitel warnt man vor der "Mischehe" und vor Scheidung. Offensichtlich war dieses Bücherpaar eine Hochzeitsgabe im Jahr 1928 - aber die Seiten sind so unversehrt, als habe niemand darin gelesen. In regelmäßigem Gebrauch war dagegen die kleine Kirchenglocke mit der Inschrift "Vorgängerin zertrümmert im Kriege 1916 / Mich angeschafft 1921 / Durch Deutsche Spenden". Wo sie geläutet hat, weiß keiner, denn Dinge, die auf dem Flohmarkt landen, verlieren ihre Geschichte. Anders ist dies mit den ausgemusterten Orgelpfeifen, die Weiß direkt in Polling und Andechs erwarb. Vom eigenen Hof stammt das geschnitzte Holzkreuz - die Rückseite lässt sich so öffnen, dass goldschimmernde Reliquien sichtbar werden.

In Reih und Glied hängen Kuhglocken aus Bronze und Schellen aus Blech, viele mit Kreuz oder dem Jesus-Monogramm IHS verziert. Noch keinen Platz haben die Schutzengel-Bilder, die um 1900 über dem Bett hingen und jetzt in der Ecke auf eine ordnende Hand warten. Ende des Jahres soll es fertig sein, das Museum. Aber Weiß wird bis dahin wieder neue Schätze entdeckt haben. Schon jetzt dauert eine Führung für angemeldete Besuchergruppen zwei Stunden, anschließend gibt es Kaffee und Kuchen im ausrangierten Waggon der Zugspitzbahn. Altbürgermeister Weiß wirft sich dafür in Gehrock und Zylinder, weil er selbst Teil von "Minis Raritätenstadl" in Polling ist.

Internet: www.raritätenstadl.de [1] (1490)

(Artikel vom 16.08.2010)

URL:
http://www.epv.de/node/6461