Durchlässige Eisenkapelle
Sieben Jahre hat der Glaser Sebastian Weiss an seinem Kunstwerk gearbeitet - (mit Bild)
Von Sandra Zeidler (epd)
Der Ort für die Kapelle ist gut versteckt. Mitten im Zentrum des Autobahndreiecks München West, zwischen Badeseen und Gärtnereien, befindet sich ein Tipiplatz mit weißen Indianerzelten. Dort oben, nicht weit weg vom Lußsee bei Langwied, steht die Schrottkapelle. Sieben Jahre hat der Kunstglaser Sebastian Weiss Teil an Teil geschweißt, bis sie fertig war, die Eisenkapelle. An Pfingsten wurde sie gekrönt, jetzt ist sie fertig.
"Ich hatte ja dem Dalai Lama ein Email geschrieben, auch die Frau Käßmann war eingeladen", erzählt Weiss. Er hätte sich das gut vorstellen können, jemand von der Kirche, einen "Religionsführer" bei der Einweihung seiner Schrottkapelle. Aber eben nicht irgendjemand, so wie die Kapelle nicht irgendeine Kapelle ist. Sie besteht aus verrosteten Zahnrädern, Schraubenschlüsseln, einem Fahrrad ? alles, was die Sammelleidenschaft des Künstlers über Jahre angehäuft hat.
"Schon als Kind hab? ich Schrott gesammelt. Für die Kapelle hab? ich dann noch bei Bauern gefragt, ob die was für mich haben" lacht Weiss. Eine LKW-Ladung Schrott landete schließlich auf dem Tipiplatz nahe dem Lußsee und der gelernte Kunstglaser konnte im Material schwelgen: Mistgabeln, neunstrahlige Felgen, ein Traktorsitz. Das seien auch Künstler gewesen, die die Geräte hergestellt haben, sinniert Weiss mit Blick auf die Schönheit der Gebrauchsgegenstände von einst. Mit dem Werkzeug mussten die Menschen ihr täglich Brot verdienen. "Da steckt Arbeit drin, im doppelten Sinn!"
Angefangen hat die Arbeit an seiner acht Meter langen und drei Meter breiten Kapelle beim Spazierengehen. "Ich habe hier immer wieder INRI-Wapperl und Flakons gefunden, auch Bruchstücke von schwarzem Schiefer, der für Dachschindeln verwendet wird", erzählt Weiss. Die Funde haben seine Neugier geweckt und er erfuhr, dass in der Nähe des heutigen Indianerzeltplatzes eine Kapelle stand. Auf einem Ölbild konnte er sich eine Vorstellung der Kapelle aus dem 17. Jahrhundert machen.
Weiss recherchierte im Archiv der Monacensia und fand einen Teil der Geschichte heraus: Maximilian II. Emanuel soll 1677 ein Kreuz auf einem alten keltischen Hügel aufgestellt haben; was den Kurfürsten dazu bewog, konnte Weiss nicht klären. Die Kapelle jedenfalls wurde noch im selben Jahr errichtet.
Wenig später war von Wunderheilungen an diesem Ort die Rede und Menschen pilgerten zur Kreuzkapelle, brachten Bitt- und Dankesgaben, deren Bruchstücke heute noch im Umfeld zu finden sind. Dem örtlichen Pfarrer, so hat Weiss nachgelesen, war die Kapelle ein Dorn im Auge und er hat sie nie kirchlich gesegnet. Im Jahr 1823 wurde sie abgerissen. Die Schrottkapelle von Sebastian Weiss steht 460 Meter entfernt vom damaligen Standort.
Um auf die Kreuzkapelle aufmerksam zu machen, hat er seine Kapelle nicht nach Osten ausgerichtet, sondern auf den alten Ort. Immer wieder kommen Besucher vorbei auf dem Tipiplatz, Freunde erkundigen sich nach der Kapelle. Es ist ein Ort zum Ausruhen.
"In erster Linie ist meine Kapelle Kunst", sagt Weiss. "Sie ist komplett durchlässig. Gott wohnt drinnen und draußen und der Heilige Geist kann hindurchziehen." Im Chorraum blickt ein scheinbar schwebender Christus auf den Betrachter herab, daneben hängt ein alter Telefonhörer. "Du sprichst und Gott hört zu", so Weiss.
So durchlässig wie seine Kapelle wünscht er sich die Menschen, die sie betreten. Neben den christlichen Symbolen findet sich am Bauwerk auch ein jüdischer siebenarmiger Leuchter oder ein Yin-Yan-Symbol. Die Schrottkapelle soll offen sein und frei. Vielleicht war es ganz gut, dass kein Geistlicher da war bei der Einweihung.
Internet: www.eisenkapelle.de [1] (1494/b101030,b101031,b101032)