Mit Fäusten zu mehr Integration
Mit Fäusten zu mehr Integration
Ramazan Varisli trainiert im Neuperlacher Jugendzentrum Migrantenkinder im Thaiboxen - (mit Bild)
Von Christiane Ried (epd)
Die Neuperlacher Jungs schlagen richtig fest zu. Mit Ellenbogen, Fäusten, Schienbeinen und Füßen bearbeiten sie ihre Gegner. "Der Ellenbogen ist der härteste Knochen im Körper. Schlägst du damit auf den Kopf, gibt's Platzwunden", ruft Ramazan Varisli den Jungen im Ring zu: "Also Vorsicht!"
Auf den ersten Blick ist nicht klar, dass die Jugendlichen nach irgendwelchen Regeln aufeinander losgehen. Brutal wirkt der Kampf, der seine Wurzeln in Thailand hat und dort sogar Nationalsport ist: "Muay Thai" oder auf deutsch "Thaiboxen".
Der türkischstämmige Ramazan Varisli trainiert im katholischen Jugendzentrum von Neuperlach - einem Münchner Stadtteil mit einem hohen Ausländeranteil - mehr als 100 Jugendliche aus 19 Nationen. Einige kommen aus Deutschland, die meisten aber aus der Türkei, dem Irak, Albanien oder dem ehemaligen Jugoslawien. Varislis Ziel: Mit seinem Thaibox-Club "Leon Gym" die jungen Leuten von der Straße zu holen, ihnen eine Perspektive zu geben und sie über den Sport besser zu integrieren.
Er sei zwar ausgebildeter Muay-Thai-Trainer, aber auch Sozialarbeiter, erzählt Varisli. "Die Jungs kommen zu mir, wenn sie Probleme in der Schule haben. Ich kenne sie fast schon besser als ihre Eltern." Für seine ehrenamtliche Arbeit hat Varisli in diesem Jahr das Bayerische Ehrenverdienstkreuz erhalten.
Thaiboxen erinnert stark an Kickboxen- mit dem Unterschied, dass die Kämpfer aggressiver zu Werke gehen. Beim "Muay Thai" darf mit Fäusten, Ellenbogen, Schienbein und Fuß zugeschlagen werden. Das Besondere: Das beim Boxen regelwidrige Clinchen ist erlaubt, das bedeutet, der Gegner darf beispielsweise mit den Händen nach unten gezogen werden, um ihm dann einen Kniestoß oder einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen. Treffer unterhalb der Gürtellinie sind aber wie beim Boxen tabu. Meist treffen Thaiboxer bei Fußtritten ihre Gegner am Oberschenkel, doch auch den Kopf dürfen sie anvisieren.
"Ich bilde keine Schläger aus", stellt Varisli nach der ersten Trainingseinheit klar. Thaiboxen sei zwar ein Extremsport, aber er helfe, den Jugendlichen Selbstbestätigung und Mut zur Zivilcourage zu geben. Vorher hätten sie oftmals nur unmotiviert auf der Straße herumgehangen ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, erklärt Varisli, der seit 1995 im Jugendzentrum Thaiboxtraining anbietet. "Von daher sollen sie lieber im Ring Dampf ablassen, als auf der Straße für Ärger zu sorgen."
Mit der Straße kennt sich der 35-Jährige selbst recht gut aus. Varisli bezeichnet sich rückblickend als "aggressiv". In mehren Geschäften hatte er als Jugendlicher sogar Hausverbot. "Ich will nicht, dass die Jungs hier das Gleiche durchmachen müssen wie ich damals", sagt er. Deshalb sei er stolz, dass von seinen älteren Jugendlichen alle eine Ausbildung bekommen haben. Sie seien damit Ansporn und Vorbild für die Jüngeren.
So der 16-jährige Mirwais Maudodi aus Afghanistan. Er hat erst vor rund drei Jahren mit der Kampfkunst begonnen und steht nun kurz davor, am King´s Cup in Thailand teilzunehmen. Bei dem jährlichen Wettkampf zu Ehren des thailändischen Königs werden nur die besten Kämpfer der Welt eingeladen. Einen Qualifikationskampf müsse er noch überstehen, dann fliege er im November nach Asien, erzählt Mirwais und drischt unermüdlich mit Fäusten und Beinen auf den Sandsack ein.
"Er kann es schaffen", ist sein Trainer Varisli überzeugt. "Alle haben Respekt vor ihm. Außerdem hat er Biss und weiß, wann er Gas geben muss." Für sein Alter sei sein Niveau unglaublich hoch. Mirwais Titelsammlung reicht vom Bayerischen Meister über den zweifachen Deutschen Meister im Thaiboxen bis hin zum WAKO-Weltmeister (World Association of Kickboxing Organizations).
Ein Nebeneffekt: Mirwais, der bis zu sieben Mal pro Woche trainiert, kommt automatisch Varislis Integrationsarbeit zugute. "Früher hatten wir Vorbilder wie Mike Tyson", sagt Varisli. Aber Mirwais sei in Neuperlach groß geworden und daher "einer von uns" - ein greifbares Vorbild eben und Werbeträger. "Heute beim Training waren schon wieder sieben neue Jugendliche da", freut sich Varisli. Um Nachwuchs brauche er sich überhaupt keine Sorgen zu machen. (1502/b101040; b101041)


