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Veröffentlicht auf EPV - Evangelischer Presseverband für Bayern (http://www.epv.de)

Weltweite Gemeinschaft

Weltweite Gemeinschaft

Evangelische Gemeinde von Oberammergau begrüßt internationale Gäste der Passionsspiele

Von Imke Plesch (epd)

Mittagszeit, 13 Uhr, noch anderthalb Stunden bis Passionsspielbeginn in Oberammergau. Auf den Straßen des oberbayerischen Dorfes herrscht reger Betrieb, die Cafés und Restaurants sind voller Menschen. Viele Sprachen schwirren durch die Luft, vor allem Englisch. Vor der evangelischen Kreuzkirche, nur wenige 100 Meter vom Passionstheater entfernt, lädt ein Schild auf Englisch und Deutsch zur Orgelandacht ein. Die Türen der Kirche stehen weit offen. Einzelne Besucher werfen auf dem Weg ins Festspielhaus einen Blick hinein. Ihre bunten regenfesten Anoraks, umgehängten Fotoapparate und Rucksäcke lassen sie leicht als weitgereiste Touristen erkennen.

Geduldig beantwortet Petra Lindele ihre Fragen zur Geschichte der Kirche oder auch zu den Passionsspielen. "Gästebetreuerin" steht auf dem Schildchen, das sie an ihren Pullover geheftet hat. Normalerweise ist Lindele Mesnerin in der Kreuzkirche, seit über 18 Jahren. Doch während der fünfmonatigen Passionsspielzeit hilft sie beim vielfältigen Rahmenprogramm mit, dass die Kirche den Besuchern aus dem In- und Ausland anbietet.

Jeder Tag beginnt mit einem Abendmahlsgottesdienst. Mittags um 13.45 Uhr folgt an allen Spieltagen eine kurze Andacht mit Orgelmusik; in der Pause zwischen den zwei Akten gibt es um 19 Uhr einen weiteren Abendmahlsgottesdienst ? alles auf englisch und deutsch. "In den Gottesdiensten können sich die Menschen entspannen und auf die Aufführung einstimmen", erklärt Lindele. "Heute morgen waren zwei deutsch- und 18 englischsprachige Besucher in der Kirche. Im Moment kommen viele Dänen und Schweden. Die Leute freuen sich über das englischsprachige Angebot."

Immer mehr Menschen strömen jetzt in die Kirche. Pia Werner hat sich ebenfalls an die Tür gestellt. "Herzlich willkommen. You're welcome", begrüßt sie die Gäste. Werner ist Pfarrerin in Bad Tölz und unterstützt die kleine evangelische Gemeinde von Oberammergau drei Wochen während der Passionsspiele. Zwei Pfarrer und ein Kantor sind während dieser Zeit zusätzlich im Einsatz. "Die Passionsspiele sind eine schöne Gelegenheit, mal wieder Gottesdienste auf Englisch zu halten", findet Werner, die vier Jahre in den USA gelebt hat.

Souverän führt sie dann durch die kleine Andacht, ohne Talar, spricht alle Gebete und Ansagen erst auf deutsch und dann auf englisch. Auch das ökumenische Liederbuch, das jeder Besucher als Geschenk mit nachhause nehmen darf, ist zweisprachig. Von den rund 30 Leuten im Gottesdienst singt jeder in seiner eigenen Sprache, was zu einem interessanten Gemurmel führt. Nach der Andacht verabschieden sich die Gäste mit Handschlag bei der Pfarrerin, bevor sie zum Festspielhaus hinüber eilen. "Ich habe schon das Gefühl, dass die Leute für mehr kommen als nur für die Aufführung eines überdimensionalen religiösen Laientheaters", sagt Pia Werner. "Das geht tiefer. Gestern war ein englisches Paar hier und hat erzählt, dass sie ein ganzes Jahr diesen großen Tag geplant haben."

Bis zur Spielpause um 17 Uhr haben Werner und Lindele jetzt etwas Ruhe. Anders Peter Sachi ? der hat gerade im Passionsspieltheater seinen großen Auftritt. Sachi ist der Gemeindepfarrer von Oberammergau und darf jeden Dienstag gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen als Teil des Volkes beim Einzug des Stückes mitspielen. "Das ist hier so Tradition", erklärt er, ebenso wie der religiöse Impuls, den er, ebenfalls mit seinem Kollegen, vor Spielbeginn für alle Beteiligten hinter der Bühne hält.

Ökumene ist für Sachi Alltag in der oberbayerischen Diaspora. Für 18 Dörfer und ungefähr 1.300 evangelische Gläubige ist der Pfarrer seit einem Jahr zuständig. Die Passionsspiele sieht er als Privileg und Bereicherung für seine Gemeinde. "Während dieser Zeit treffen wir hier Menschen aus aller Welt. Anglikanische, methodistische und baptistische Pfarrer machen Gottesdienste in unserer Kirche. Wir fühlen uns als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. Das hier ist wie ein verlängerter ökumenischer Kirchentag!"

Sachi möchte die Früchte aus den fünf Monaten Spielzeit auch in die Zeit danach hinübernehmen. "Die Abendgottesdienste möchte ich weiterführen und den offenen Gemeindesaal, der in der Spielpause als Treffpunkt dient." Viele Mitwirkende könnten nach der letzten Aufführung in ein Loch fallen, befürchtet der Pfarrer. Auch für sie möchte er da sein, wenn die Passionsspiele am 3. Oktober zu Ende gehen. (1537/b101090-92)

(Artikel vom 27.08.2010)

URL:
http://www.epv.de/node/6476