Wolken, Federn und Erbsensuppe

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Wolken, Federn und Erbsensuppe

Urlauber fühlen sich bei Bergottesdiensten aufgehoben und erleben Gemeinschaft

Von Imke Plesch (epd)

Der Blick wandert besorgt hinauf zum Himmel. "Hoffentlich irrt sich der Wetterbericht dieses Mal!" Manfred Küchenmeister und seine Frau Annemarie warten an der Talstation der Hochfelln-Seilbahn in Bergen. Eigentlich sollte die Gondel sie auf den 1.674 Meter hohen Berg bringen, wo Küchenmeister als Urlauberpfarrer in der katholischen Taborkapelle einen Berggottesdienst halten will. Jetzt sagt der Wetterbericht Starkregen und Unwetter voraus. Doch bisher ist davon nichts zu spüren.

Schließlich gelingt es Manfred Küchenmeister, die Gondelbetreiber zu überzeugen, sie trotzdem auf den Berg zu bringen. Ein Ehepaar, das ebenfalls auf die Gondel wartet, lädt er gleich zu dem Gottesdienst ein. Sie bleiben die einzigen Gäste.

Nach 20-minütiger Fahrt erreichen sie die Gipfelstation. Vor der Taborkapelle auf dem höchsten Punkt des Hochfelln stehen Holzbänke am Rand eines überdachten Vorplatzes mit grobem Steinfußboden. Das Vordach und die Kapelle sind aus dunklem Holz; wenn das goldene Kreuz auf dem Dach nicht wäre, könnte man das Haus beinahe für einen großen Unterstand halten.

Das Ehepaar, es sind Johann und Monika Mutzbauer, und Annemarie Küchenmeister nehmen auf einer Holzbank Platz; gegenüber, hinter Manfred Küchenmeister reicht der Blick weit über Chiemsee und Alpenvorland. Im Rücken der "Gemeinde" hängen Wolkenfetzen zwischen den schroffen Berggipfeln. Es ist kühl, aber hier oben macht das nichts. Der Regen lässt immer noch auf sich warten.

Etwa 800 Berggottesdienste organisiert allein die bayerische evangelische Landeskirche jedes Jahr von Mai bis Oktober. "Bei kleineren und schwer erreichbaren Veranstaltungen kommen vielleicht zehn oder fünfzehn Leute, bei großen Festen können es auch mehrere hundert sein", erklärt Thomas Roßmerkel, zuständiger Referent beim Landeskirchenamt. Roßmerkel vermutet, dass in diesem Jahr mehr Gottesdienste aufgrund von schlechtem Wetter abgesagt werden mussten als in den beiden Vorjahren. Genaue Zahlen werden aber erst nach Abschluss der Saison im Oktober ermittelt.

Der 74-jährige Küchenmeister predigt in seinen Berggottesdiensten oft über Gott in der Natur. Diesmal spricht er über Federn. Während seine Frau aus einer Kinder-Brotdose bunte Kunstfedern herausholt und an das Ehepaar Mutzbauer verteilt, erzählt der Pfarrer von Kindheitserinnerungen, Federn am Strand und den weichen Gänsedaunen, als seine Mutter Gänse rupfte. Mit der klaren und deutlichen Stimme eines Mannes, der sein Leben lang in Kirchen gesprochen hat, zitiert er aus der Bibel, wo Menschen unter Flügeln Schutz finden. Schließlich kommt er zu den Federn als Sinnbild der Liebe Gottes, die schützt, trägt und birgt.

Kurz nach Beginn des Gottesdiensts ist auch Otto Heim, der Urlauberkantor eingetroffen. Er ist zu Fuß auf den Berg gewandert. Jetzt spielt er auf der Trompete "Lobe den Herren" ? passenderweise ist auch hier von Flügeln die Rede. Das letzte Lied darf die "Gemeinde" selbst aussuchen. "Großer Gott wir loben Dich", wünscht sich Johann Mutzbauer. Damit endet der Gottesdienst und geht direkt in eine Plauderei über. Es regnet immer noch nicht.

Auch für Urlauberkantor Heim sind die Gottesdienste unter freiem Himmel nichts Neues. Seit über 20 Jahren verbringt er seinen Urlaub teilweise als Kantor; jetzt ist der Lehrer aus dem westfälischen Münster frisch pensioniert und umso unternehmungslustiger. "Mit den Berggottesdiensten fängt sich die Kirche unheimlich viele Sympathien ein", beobachtet er. "Die Urlauber fühlen sich aufgehoben und erleben Gemeinschaft." Besonders schätzt Heim gemeinsame Unternehmungen mit den Gästen, etwa meditative Spaziergänge oder Kapellenwanderungen.

Während der Kantor seine mitgebrachte Brotzeit auspackt, setzen sich die beiden Ehepaare auf eine Holzbank vor die Berggaststätte. Es gibt Erbsensuppe. Plötzlich ziehen dichte Wolken am Wirtshaustisch vorbei und hüllen alles in Watte. "Jetzt möchte ich aber doch gehen", drängt Annemarie Küchenmeister. Zum Abschluss gibt es ein Erinnerungsfoto der beiden Paare vor dem Gipfelkreuz. Dann trennen sich ihre Wege wieder ? und alle sind froh, heute mal nicht auf den Wetterbericht gehört zu haben. (1556)

(Artikel vom 31.08.2010)