Das Kreuz auf der Zugspitze
Das Kreuz auf der Zugspitze
Wo Deutschland am höchsten ist, steht ein starkes Symbol
Von Lui Knoll (epd)
Im 18. Jahrhundert wollte noch kein Mensch auf die Zugspitze - außer vielleicht ein paar Hirten oder Jägern. Weil man da oben nichts verloren hatte und im Zweifel die bösen Geister wähnte. Wer hätte sich damals vorstellen können, dass auf dieser Zugspitze einmal ein Kreuz stehen könnte?
1781 gründeten die Augustinermönche von Kloster Rottenbuch das erste meteorologische Observatorium auf dem Hohenpeißenberg bei Schongau. Von dort hat man einen weiten Blick ins Oberland und auf das Wettersteingebirge. Im Pfarrhaus wurden Messgeräte aufgebaut und der Ortspfarrer als Wettermelder ausgebildet. Die Klimaforscher heute verdanken weltweit die ältesten systematischen Wetterdaten diesen exakten Wetterbeobachtungen am Hohenpeißenberg.
Einer der später eingesetzen Pfarrer ist Christoph Ott. Der ärgert sich 1851 bei der Wetterbeobachtung mit seinem Fernrohr darüber, dass die Zugspitze - der "Beherrscher der bayerischen Gebirgswelt" - auch 30 Jahre nach der Erstbesteigung noch "mit kahlem Haupt daherkommt". König Zugspitze ohne Krone, ohne Kreuz. Ott organisiert eine Spendensammlung, an der sich auch Königin Marie von Bayern beteiligt. 443 Gulden kostet das 4,08 Meter große Kreuz, das von einem Berchtesgadener Bergmeister entworfen und von Schongauer Schlossern aus Eisen, Kupfer und einer Goldlegierung gefertigt wird. 150 Kilo wiegt das Schmuckstück, das vor seinem Transport auf dem Fußweg durchs Reintal auf die Zugspitze auf dem Hohenpeißenberg geweiht wird.
Ott ist mit dabei, als dann am 12. August 1851 eine 29-köpfige Expedition nach dreitägigem Aufstieg das erste Gipfelkreuz auf dem Westgipfel der Zugspitze in den Himmel hebt. Der Westgipfel aber ist, damals wie heute, Tirol. Zu dieser Zeit besteht der ganze Bergaufbau noch aus drei Gipfeln. Im Herbst 1881 wird das Kreuz - wieder mit großem Aufwand - nach München zur Reparatur gebracht. Im darauffolgenden Sommer bekommt es seinen neuen, endgültigen Platz auf dem Ostgipfel. Der muss in jener Zeit etwa ein bis zwei Meter niedriger gewesen sein, verfügt aber über das festere Gestein.
Dann wird der Berg technisch erschlossen. 1897 wird auf dem Gipfel das Münchner Haus als Bergsteigerhütte errichtet. Im Jahr darauf folgt der Turm der Wetterstation. Die erste Tiroler Zugspitzbahn führt als Seilbahn 1926 bis zum westlichen Kamm unterhalb des Westgipfels.
Die Nationalsozialisten entdecken den höchsten Berg Deutschlands für ihre Ziele. Der Mittelgipfel weicht 1930 der Gipfelstation auf bayerischem Boden. Der Westgipfel wird 1938 von den Machthabern gesprengt, um eine Flugleitstelle zu errichten - die aber nie gebaut wird. Das Gipfelkreuz von Pfarrer Ott ist nun aber nicht mehr der höchste Punkt auf dem höchsten Berg Deutschlands, es muss sich seinen Platz mit den Errungenschaften und den Bauwerken der modernen Technik teilen.
Seine nächste Erniedrigung erlebt das Kreuz mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Amerikanische Soldaten beschießen das Wahrzeichen im Frühjahr 1945 als Zeichen ihres Siegs über den Berg - und den Feind. Mit diesem ramponierten Äußeren muss das Gipfelkreuz noch 40 Jahre leben. 1992 werden das Kreuz und das Gipfelgebäude erneuert. Das Kreuz erhält mit der Einweihung der Gipfelseilbahn vom Zugspitzplatt seinen Rang als höchster Punkt Deutschlands zurück, denn die Gipfelterrasse der Zugspitzbahnen wird um jene Meter niedriger gebaut, die das alte Gipfelbauwerk das Kreuz überragt hat.
Keine 15 Jahre dauert es diesmal bis zur nächsten Renovierung. Frost, Hitze und Wind haben zusammen mit eingravierten Namen der Zugspitzbezwinger das Kreuz ramponiert. Im Januar 2009 kommt es in die Werkstatt, wird in einem geheimen Verfahren neu vergoldet und widerstandsfähig gemacht. Im April 2009 weihen Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin von Oberbayern und damit zuständig für die Zugspitze, und Friedrich Kardinal Wetter das renovierte Kreuz. Für die Bischöfin ist das Gipfelkreuz ein starkes christliches Symbol. "Auf dem Gipfel ist man näher bei Gott, man ist dem Himmel näher. Mit jedem Schritt nach oben lässt man seelisches Gepäck zurück. Man findet unter dem Kreuz die Momente, um unbelastet über das eigene Leben nachzudenken - unbelastet vom Alltag." (1566)


