Kirchenmusikalische Reliquie in Synagoge entdeckt

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Kirchenmusikalische Reliquie in Synagoge entdeckt

Das Fundstück stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert

In der Bayreuther Synagoge ist eine seltene kirchenmusikalische Reliquie christlicher Herkunft zum Vorschein gekommen. Sie stammt aus der "Genisa", einem verborgenen Raum im Dachgebälk zur Ablage schadhaft gewordener Schriften, der 2009 bei Bauforschungsarbeiten zufällig entdeckt worden war. Nach Mitteilung von Felix Gothart, dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, wurde das Dokument inzwischen vom Institut für Musikwissenschaft an der Universität Regensburg untersucht.

Bei dem Fund handelt es sich nach Auskunft von Professor David Hiley (Regensburg) um ein Bruchstück aus einem Tropus oder Tropusvers. Dieser wurde am Anfang der Messe zum "Tag der unschuldigen Kindlein" (28. Dezember) von zwei Sängern gesungen, bevor der Chor mit dem eigentlichen Introitus einsetzte.

Solche Tropen seien an den großen Festtagen des Kirchenjahres als feierliche Ergänzung zu den Meßgesängen keine Seltenheit gewesen, schreibt Hiley an die Genisa-Expertin Beate Weinhold (Veitshöchheim), die für die jüdische Gemeinde Bayreuth die Funde in der Genisa auswertet. Einige wenige Tropen sind laut Hiley noch in deutschen Quellen bis ins späte Mittelalter und sogar bis ins 16. Jahrhundert überliefert. Aus dieser Zeit könnte auch der Tropus aus der Synagoge stammen.

Gothart zeigte sich über den Fund hocherfreut. "Die Genisa steckt voller Überraschungen - fast täglich kommt es zu neuen Entdeckungen", sagte er dem epd. Seit Anfang des Jahres wird die Genisa von Spezialistinnen des jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim wissenschaftlich untersucht. Die Funde stellen Gothart zufolge die Grundlage für breitgefächerte Forschungsarbeiten dar. Ein bemerkenswertes Beispiel sei der rätselhafte Tropus. Bayreuths jüdische Gemeinde konnte in diesem Jahr das 250-jährige Bestehen ihres Gotteshauses feiern. (1549)

(Artikel vom 01.09.2010)