Nach der Trennung kommt die Armut
Nach der Trennung kommt die Armut
Alleinstehende Frauen sind trotz guter Ausbildung oft auf Hartz IV angewiesen
Von Doris Richter (epd)
Bis dass der Tod uns scheidet - das lebenslange Eheversprechen hält längst nicht immer. Ehen und Lebensgemeinschaften gehen häufig in die Brüche. In vielen Fällen hat das finanzielle Folgen, die auch die Kinder zu spüren bekommen. Einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zufolge breitet sich Armut in Deutschland vor allem bei Alleinerziehenden dramatisch aus. Sie haben auch nach einer jüngsten Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) das größte Armutsrisiko.
"Immer mehr Alleinerziehende suchen Hilfe, und sie haben gleich mehrere Probleme", sagt Agnes Sitzberger, Leiterin der Beratungsstelle für Alleinerziehende der Diakonie Regensburg. "Das größte Problem ist der angespannte Arbeitsmarkt", weiß sie aus Erfahrung. Selbst wenn die Frauen eine Stelle bekommen, sei diese oft nicht gut bezahlt.
Dass sie einmal ihren Sohn Lukas krankmelden würde, weil sie sich die 20 Euro für den Schulausflug nicht leisten kann, hätte sich Heike F. (Name geändert) in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen können. "Ich kannte früher Familien, bei denen das Geld knapp war, die nicht in den Urlaub fuhren oder lieber radeln gingen statt in den Tierpark", sagt sie. "Aber das waren eben die anderen, nicht wir."
Nach der Geburt des ersten Kindes hatte Heike F. ihre Arbeit in der Personalabteilung eines Wirtschaftsunternehmens aufgegeben, um sich ausschließlich um die Familie zu kümmern. "Ein Fehler", sagt die 39-Jährige heute, drei Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann. Ihm war alles "zu viel" geworden, er wollte "mehr Zeit für sich".
Das Paar trennte sich. Heike F. zog mit den beiden Kindern, heute sechs und neun Jahre alt, in eine Drei-Zimmer-Wohnung. 818 Euro Unterhalt bekommt sie von ihrem Mann für die Kinder. Immer wieder hat sie versucht, in Teilzeit zu arbeiten. Doch die alte Firma wollte sie nicht mehr. "Und sobald man bei Bewerbungsgesprächen erzählt, dass man zwei Kinder hat und geschieden ist, fällt sofort der Vorhang."
Sie hat jetzt einen Mini-Job in einem Bio-Laden. Neben Miete, Nebenkosten und anderen Fixkosten wie Versicherungen bleiben ihr im Monat rund 400 Euro zum Leben. "Das funktioniert nur, weil ich für mich kaum etwas ausgebe", sagt Heike F.
Wie Heike F. geht es vielen Müttern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stellen die Alleinerziehenden einen zunehmenden Anteil an allen Familienformen. Im vergangenen Jahr lebten 8,2 Millionen Familien mit Kindern in Deutschland. Fast jede fünfte davon (19 Prozent) war eine Familie einer alleinerziehenden Mutter oder eines alleinerziehenden Vaters.
Nach einer aktuellen Studie des DIW haben Alleinerziehende mit Kindern - es sind zu 90 Prozent Frauen - mit über 40 Prozent weit überdurchschnittliche Armutsraten. 2008 waren etwa 55 Prozent der Alleinerziehenden, deren jüngstes Kind unter vier Jahren alt war, von Armut bedroht. War das jüngste Kind zwischen zwölf und 16 Jahren alt, waren sogar 56 Prozent armutsgefährdet. Die Armutsgefährdung von Personen in Haushalten mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hingegen bei nur acht Prozent. Das Armutsrisiko kann nach DGB-Angaben nur mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie verringert werden. Von den arbeitslosen Alleinerziehenden wünschten sich 60 Prozent einen Vollzeitjob, 37 Prozent würden eine Teilzeitbeschäftigung vorziehen.
Gab es früher häufig Streit mit dem ehemaligen Partner um den Unterhalt für die gemeinsamen Kinder, geht es heute gleichzeitig auch darum, eine billigere Wohnung zu finden, Schulden abzubauen und eine Arbeit zu bekommen, berichtet Sitzberger von der Regensburger Beratungsstelle für Alleinerziehende der Diakonie. Viele Alleinerziehende hätten mit Schulden zu kämpfen.
"Einer meiner Klientinnen mit zwei Kindern droht gerade die Kündigung der Wohnung, weil sie dem Vermieter drei Monatsmieten schuldet", sagt Sitzberger. Um Rücklagen zu bilden, fehlt vielen nach der Trennung das Geld. "Vor kurzem war eine alleinerziehende Mutter bei mir, die völlig verzweifelt war, weil kurz hintereinander Herd, Waschmaschine und Kühlschrank kaputtgegangen waren."
Sitzberger hält den Ausbau der Kinderbetreuung und mehr finanzielle Hilfen für Alleinerziehende für sinnvoll. "Doch am wichtigsten wären echte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt." Die Regierung müsse sich überlegen, wie sie für Firmen Anreize schaffen könnte, Alleinerziehenden mehr Chancen zu geben. (1551)


