Buchautor: Oktoberfest-Attentat bis heute nicht gänzlich aufgeklärt

Interview | epd - Landesdienst Bayern

Buchautor: Oktoberfest-Attentat bis heute nicht gänzlich aufgeklärt

Von Heymann hält neue Ermittlungen für möglich - (Wortlaut-Interview) - (Sendewiederholung)

Der Journalist Tobias von Heymann begann 2006, sich mit den offenen Fragen zum Oktoberfest-Attentat zu beschäftigen. Da zwischenzeitlich auch die Stasi beschuldigt worden war, ging von Heymann davon aus, dass er in Stasi-Akten Informationen finden würde und beantragte Akteneinsicht. Er studierte mehr als 18.000 Stasidokumente und veröffentlichte 2008 sein Buch "Die Oktoberfest-Bombe: München, 26. September 1980". Mit von Heymann sprach Imke Plesch über den Täter, die Hintergründe des Anschlages und offene Fragen.

epd: Wie ist man auf den 21-jährigen Gundolf Köhler als Attentäter gekommen?

von Heymann: Gundolf Köhler ist beobachtet worden, wie er mit einer Tüte zum Papierkorb am Haupteingang des Oktoberfestes gegangen ist, sie mit beiden Händen hineingelegt und daran hantiert hat. In der Hosentasche seiner Leiche fand man dann seinen Reisepass. Köhler war im Polizeicomputer registriert und seit Mitte der 70er-Jahre als einschlägiger Rechtsextremist beim Bundeskriminalamt (BKA) bekannt, beim militärischen Abschirmdienst und beim Verfassungsschutz. Er war mehrfach kriminell auffällig geworden, hatte mit Chemikalien experimentiert und sich theoretisch mit Bombenbau beschäftigt. Außerdem war er Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann.

epd: Was war die Wehrsportgruppe Hoffmann?

von Heymann: Wehrsportgruppen waren in den 70er und 80er Jahren ein beliebtes Organisationsmodell von Neonazis, ungefähr wie heute die Freien Kameradschaften, aber noch stärker paramilitärisch. Sie haben sich als eine Art rechte Miliz gesehen und gegen den Kommunismus, die Friedens-, Frauen-, Umwelt-, oder Anti-Atom-Bewegung gekämpft. Sie waren terroristisch aktiv und hatten die Funktion, ein permanentes Trainingscamp zu sein. Die Wehrsportgruppe Hoffmann, 1973 von dem Nürnberger Karl-Heinz Hoffmann gegründet, war die wichtigste und größte Gruppierung dieser Art. Sie war Anfang der 70er Jahre gezielt aufgebaut worden und hatte in ihrer Hochzeit 400-600 Mitglieder. Am 31. Januar 1980 ist sie wegen Verfassungsfeindlichkeit verboten worden.

epd: Was war das Motiv von Gundolf Köhler für das Oktoberfest-Attentat?

von Heymann: Das Attentat fiel in die heiße Phase des Bundestags-Wahlkampfes. Laut Zeugenaussagen aus seinem Umfeld hat Köhler davon gesprochen, wie man die Wahl zugunsten des CSU-Kanzlerkandidaten Strauss beeinflussen könnte. Die Idee war ein "Falsches-Flagge-Attentat", also eine Bombe zu legen und den Anschlag zum Beispiel der RAF in die Schuhe zu schieben. Die Menschen sollten denken, die Regierung sei zu schwach, um gegen den linksextremistischen Terror vorzugehen. Schon wenige Stunden nach dem Attentat war aber klar, dass der Anschlag von rechts gekommen war.

epd: War Gundolf Köhler ein Einzeltäter?

von Heymann: Die Abschlussberichte der Bundesanwaltschaft und des bayerischen Landeskriminalamtes von 1982 unterscheiden sich in entscheidenden Punkten. Im bayerischen Bericht ist eindeutig die Rede davon, dass Köhler ein Einzeltäter war und dass es keinerlei Mittäter gab. Der Abschlussbericht der Bundesanwaltschaft sieht das anders. Dort heißt es: Die Untersuchungen werden eingestellt, wegen mangelnder Täterermittlung. Hier werden Mittäter nicht ausgeschlossen; sie sind eben nur nicht ermittelt worden. Mein Eindruck ist, dass beim BKA und der Bundesanwaltschaft die Geschichte bis heute ganz anders gesehen wird als in Bayern.

epd: Was sind die Indizien für mehrere Täter?

von Heymann: In den Stunden vor und nach dem Attentat ist ein Konvoi der Wehrsportgruppe Hoffmann mit ausgemusterten Bundeswehrfahrzeugen Richtung Österreich gefahren. In dem Konvoi saß auch ein V-Mann vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen, Walter Behle. Anfang Oktober reiste Behle mit Hoffmann nach Damaskus und hat dort in einem Hotel einem Barkeeper erzählt, sie könnten nicht zurück nach Deutschland, weil sie das Oktoberfest-Attentat verübt hätten. Der Barkeeper ist später zur Deutschen Botschaft in Paris gegangen und hat von dieser Selbstbezichtigung erzählt. Behle hat daraufhin seine Aussagen widerrufen, aber sie stehen nach wie vor im Raum.

Merkwürdig ist auch, dass 22 Stunden vor dem Anschlag eine ziemlich breit aufgestellte Aktion der Landesämter für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg begonnen hatte, die Aktion Wandervogel. Die haben auch den Konvoi observiert. In den Stasi-Akten wird die Vermutung geäußert, dass die westlichen Behörden Kenntnis davon hatten, dass die Wehrsportgruppe Hoffmann etwas plante.

epd: Gibt es da keine weiteren Informationen vom Verfassungsschutz?

Bislang noch nicht. Es wäre sehr spannend und nützlich, wenn man da noch mehr erfahren könnte. Bislang haben sich die umfassenden Tätigkeiten des Verfassungsschutzes in diesen Neonazi-Szenen, speziell zum Oktoberfestattentat, nur durch Überläufer oder Doppelagenten rekonstruieren lassen. Gleichwohl haben sich viele Informationen aus Stasi-Akten bis heute auch bestätigt. Zu 70 oder 80 Prozent kann man den Tatablauf rekonstruieren und es gibt konkrete Anhaltspunkte, an denen man noch mal nachhaken kann.

Und warum macht das niemand?

von Heymann: Die Reaktionen der damals beteiligten Behörden auf meine Recherchen waren sehr positiv. Deshalb sehe ich dort auch keinen nachhaltigen Vertuschungswillen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, dass er damals in dieser schwierigen Lage vor der Bundestagswahl, mit den harten Konflikten zwischen Landes- und Bundesbehörden, mitten im Kalten Krieg auf Granit gebissen hat und vielleicht ausgebremst worden ist, obwohl er noch hätte ermitteln wollen. Ich würde mich nicht wundern, wenn das ganze Verfahren noch mal aufgerollt wird. Ich bin da, ehrlich gesagt, eher optimistisch. (1696)

(Artikel vom 24.09.2010)