Der Schlossherr läutet ein schepperndes Glöckchen -

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Schlossherr läutet ein schepperndes Glöckchen

Gottesdienst in einer kleinen Kapelle im Wasserschloss (mit Bild)

von Jutta Olschewski (epd)

Auf den Holzstufen knarrt jeder Schritt vernehmlich. Wo die Treppe im zweiten Geschoß des Wasserschlosses anlangt, fällt der Blick auf eine polierte Messingplakette an einer der Türen: "Evangelisch-lutherische Predigtstelle" heißt es darauf. Kein Fremder hätte ohne fürsorgliche Hilfe eines Ortskundigen den Raum gefunden, in dem die Protestanten aus Offingen und Kötz (Landkreis Günzburg) 14-tägig Gottesdienst feiern.

Schlossherr Hans-Karl Stierlin und seine Schwester Brigitte Krönert haben die "Kapelle" im Anwesen festlich hergerichtet. Der 73-jährige übernimmt die Rolle des Mesners. Dieses Amt hat er seit 30 Jahren inne. "Einer muss das ja machen", sagt er knapp. Während die Gläubigen das Vaterunser sprechen, verlässt Stierlin seine Kirchenbank, steigt auf den Dachboden und läutet die kleine Glocke am Giebel, die einen scheppernden Klang von sich gibt. Wenn er Zeit zum Verweilen hätte, könnte er den idyllischen Blick über seine prächtigen Kastanienbäume und die Fischteiche genießen.

16 Gottesdienstbesucher sitzen einen Stock tiefer in den eng gestellten Kirchenbänken unter stuckverzierter Decke. Am elektronischen Harmonium stimmt Organistin Heidi Schipanski das erste Lied an: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Mesner Stierlin erinnert sich an Gottesdienste in dem kleinen Saal, da standen die Leute ganz dicht zusammen und der Posaunenchor spielte noch kräftig auf, "wir hatten Angst, der Fußboden bricht ein". Heute kommen sonntags nicht mehr so viele Menschen. "Die alten Leute können oft nicht mehr die Treppen hinaufsteigen", erklärt der Schlossherr.

Prädikantin Ruth Mayrhofer leitet an diesem Sonntag den Gottesdienst. Sie predige sehr gerne im Kleinkötzer Schloss, sagt sie. "Ich fühle mich hier in die Zeit meiner Eltern zurückversetzt. Hier steht die Zeit still". Pfarrerin Ulrike Berlin, die auch immer wieder den Gottesdienst leitet, spürt "eine besonders heimelige Atmosphäre". In dem Raum, der früher wohl als Gerichtssaal diente, steht der Altar zwischen zwei bleiverglasten bunten Fenstern.

Als Vertriebene und Flüchtlinge waren nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr Evangelische in die Gegend gekommen. Auf der Suche nach einem Kirchenraum kam man 1947 auf den evangelischen Schlossherrn, der mit dem Kirchenvorstand von Günzburg eine Vereinbarung unterschrieb. Stierlin bewahrt dies "Ordnung" mit ihren sieben Paragraphen auf. Eine Inventarliste der Kapelle ist ihr beigefügt, darin sind aufgeführt: eine Kanzel, ein "Harmonium mit Lampe", eine Glocke, ein "Ofen mit Rohr" und ein Altar.

Brigitte Krönert hat an diesem Altar ihren Mann in der Kapelle geheiratet. Weitere Ehen sind hier geschlossen, viele Nichten und Neffen der Schlossbesitzersfamilie getauft worden, erzählt Krönert. 1932 war das romantische Kleinkötzer Schloss in den Besitz der Stierlins übergegangen. Zuvor hatte das Anwesen eine wechselhafte Geschichte. 1638 war der Besitz in die Hände einer Augsburger Patrizierfamilie von Holzapfel gelangt. 1712 baute diese den mittelalterlichen Burgstall in ein Wasserschloss um. Das Archivmaterial hierzu hat wohl einer der Schlossherren sorglos hergegeben. "Eines Tage entdeckten wir, dass im Kolonialwarenladen im Ort die Waren in Tüten aus Schloss-Dokumenten eingepackt wurden", erzählt Stierlin.

Die heutigen Schlossbesitzer haben keinen adligen Stamm, sondern ihren Ursprung im bürgerlichen Stuttgart. Der Großvater, ein Apotheker, ermöglichte in Kleinkötz seinem Sohn den Traum von einem landwirtschaftlichen Anwesen. Kurios, dass mit dem Kauf des Schlosses die evangelischen Neubürger Stierlin in einem katholischen Landstrich die Patronatsrechte über die katholische Gemeinde automatisch mit erwarben. Bis vor ein paar Jahrzehnten mussten die Katholiken also ihren neuen Ortspriester in Kötz dem Schlossherrn vorstellen. (1843/b101280)

(Artikel vom 13.10.2010)