Im Konzentrationslager geboren

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Im Konzentrationslager geboren

Ausstellung in KZ-Gedenkstätte Dachau ist den jüngsten Überlebenden gewidmet - Von Heinz Brockert (epd)

Das Schicksal der weiblichen KZ-Opfer ist erst in den jüngsten Jahren in den Blick genommen worden. Dabei waren ihre Überlebenschancen nicht besser als die der Männer. Eher im Gegenteil. An den Eisenbahn-Rampen im Vernichtungslager Auschwitz, an denen die Züge mit deportierten Juden ankamen und SS-Schergen eine erste Selektion vornahmen, wurden Frauen zumeist der Gruppe der Älteren und Schwächeren zugewiesen, die sofort in die Gaskammern geschickt wurden. Schwangere und Mütter mit Kindern hatten so gut wie gar keine Chance, als Arbeitssklaven zu überleben. Mit ihren Müttern oder Großeltern wurden rund eineinhalb Millionen jüdischer Kinder in den KZs umgebracht.

Die Slowakin Eva Gruberova, die zum ehrenamtlichen Personal der KZ-Gedenkstätte Dachau gehört, hat es geschafft, den Kontakt zu sieben Frauen aufzunehmen, die wenige Monate vor Kriegsende im Außenlager Kaufering I des KZ Dachau geboren wurden, und zu zwei der noch lebenden Mütter. Es entstand ein Dokumentarfilm für die ARD, den laut Gruberova rund eine Million Zuschauer sahen, und die Ausstellung "Sie gaben uns wieder Hoffnung. Schwangerschaft und Geburt im KZ-Außenlager Kaufering I" für die KZ- Gedenkstätte Dachau. Wegen des großen Interesses wurde diese Schau nun bis Ende Mai 2011 verlängert.

Der biografische Ansatz der Ausstellung wurde möglich, weil die Familien der damaligen KZ-Mütter die Ausstellungsmacherinnen an ihren Erinnerungen teilhaben ließen. Durch ihre großzügige Unterstützung können bislang unveröffentlichte Fotos, Dokumente und 3D-Exponate gezeigt werden. Die Tafeln der Ausstellung sind zweisprachig, auf Deutsch und Englisch.

"Überall lagen die Toten", schreibt ein US-Soldat im April 1945 nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau nach Hause, "doch unter den mehr als 30.000 befreiten KZ-Häftlingen befanden sich zu unserer großen Überraschung sieben jüdische Mütter mit ihren Babys!" Die Soldaten fotografierten, was sie nicht glauben konnten: Säuglinge, die zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 im KZ zur Welt gekommen waren und überlebt hatten. Eines der sieben Babys auf diesen Fotos ist die heute 65 Jahre alte Marika Nováková.

Aufgewachsen ist sie in einer slowakischen Kleinstadt. In ihrem Pass stand als Geburtsort "Kaufering". Wo das war und warum sie dort und nicht in der Slowakei geboren wurde, erzählte ihre Mutter, Eva Fleischmanová, lange nicht. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen, zu deutlich auch nach der Befreiung die Ablehnung der Juden in der Slowakei. Doch dann flatterte ein Brief aus Kanada ins Haus, von Miriam Rosenthal, mit einem Foto. Sieben Mütter und ihre Babys waren da zu sehen. Eines davon Marika auf dem Arm ihrer Mutter. Ein anderes Leslie auf dem Arm seiner Mutter Miriam Rosenthal. Jetzt wollte Marika die Wahrheit erfahren, die "ganze Geschichte".

Endlich begann auch ihre Mutter über diese Zeit zu sprechen. Wie sie als 20-Jährige deportiert wurde, wie sie die Schwangerschaft zu verbergen suchte und an der Rampe in Auschwitz vor dem SS-Arzt Mengele stand, der ihre Schwangerschaft - das sichere Todesurteil - nicht erkannte. Wie sie in ein Dachauer Außenlager in Augsburg und schließlich nach Kaufering kam und der Entdeckung entging. Andere Frauen halfen ihr und den anderen Schwangeren, steckten Essen zu, schützten sie. Die Tochter kam in einer Holzbaracke zur Welt.

Dass die sieben Kinder in Kaufering überleben konnten, während beispielsweise zur gleichen Zeit im Dachauer Außenlager Mühldorf ein SS-Mann ein neugeborenes Baby einer KZ-Mutter persönlich ertränkte, führt Autorin Eva Gruberova darauf zurück, dass die Wachmannschaften in Dachau selbst und in den nahe gelegenen Außenlagern Augsburg und Kaufering die kommende Niederlage des Deutschen Reiches deutlicher erahnten und sich Pluspunkte bei den Amerikanern erhofften.

Die Ausstellung "Sie gaben uns wieder Hoffnung" ist bis 31. Mai 2011 in der KZ-Gedenkstätte zu sehen. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 9 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ein Ausstellungskatalog ist erhältlich.

Internet: www.kz-gedenkstaette-dachau.de (1845)

(Artikel vom 14.10.2010)