Hängebrücken und Panoramablick

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Hängebrücken und Panoramablick

Neuer barrierefreier Baumwipfelpfad: Besucher erleben Natur in 30 Metern Höhe

Von Hanna Spengler (epd)

Es ist ein besonderer Moment für Rollstuhlfahrerin Johanna Trautmann. "Ein bisschen unheimlich", wie die 56-Jährige sagt. Der dunkle Waldboden liegt etwa 30 Metern entfernt unter ihren Füßen. Die mächtigen Fichten- und Lärchenwipfeln um sie herum, wiegen auf Augenhöhe ihre Kronen im Wind. Trautmann besucht den barrierefreien Baumwipfelpfad im Scheidegger Ortsteil Oberschwenden im Westallgäu. Der Blick reicht von dort hinunter zum Bodensee bis hin zu den deutschen, österreichischen und schweizerischen Alpen.

"Der Skywalk Allgäu mit seinen 540 Metern Länge gibt Familien, älteren Menschen und Rollstuhlfahrern die Möglichkeit, die Natur in 20 bis 30 Metern Höhe zu erleben", sagt Projektkoordinatorin Carmen Seitz. Ein etwa 500 Meter langer Aufstieg führt die Besucher zwischen den Bäumen nach oben. Der Pfad mit einem 50 Meter hohen Auf- und Aussichtsturm wird von 14 Stahlmasten getragen, die mit Hängebrücken verbunden sind. "Wer nicht so gut zu Fuß ist, kann den gläsernen Fahrstuhl nehmen und die höchste Turmplattform 35 Meter über der Erde direkt ansteuern", erklärt Seitz. Der "Skywalk Allgäu" ist einer von sieben Baumkronenpfaden bundesweit.

"In der Regel haben wir auch bei Regen und Schnellfall geöffnet", sagt Seitz. Nur bei Sturm und Gewitter müsste der Baumwipfelpfad auf 1.000 Metern über dem Meeresspiegel geräumt werden. Doch auch am Boden sei einiges geboten. Ein Barfußpfad, ein Abenteuerspielplatz, ein Trampelpfad und ein für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen geeigneter Naturerlebnispfad sowie ein Informationszentrum ergänzten das Angebot.

Rollstuhlfahrerin Trautmann drückt den Hebel ihres elektrischen Rollstuhls, fährt langsam über die hölzerne Hängebrücke zur nächsten Aussichtsplattform. "Ups, das schaukelt ein wenig", erschrickt die Besucherin aus Freiburg und knipst dann wenige Meter weiter ein Erinnerungsfoto. Eine Etage unter ihr genießen Anna Bührer (73) und Josef Weis (89) aus Nonnenhorn am Bodensee die "einmalige Aussicht". Das Paar hat im Radio von dem "Skywalk" gehört und ist nun mit Wanderstöcken auf den Hängebrücken unterwegs.

Mehr als 70.000 Schrauben, 80 Kubikmeter Holz und 500 Tonnen Stahl wurden für das Großprojekt verbaut. Die Investitionskosten umfassen rund zehn Millionen Euro. "Diese Investition ist das Projekt jedoch wert", sagt Markus Mayer, Vorstandsmitglied der Katholischen Jugendfürsorge des Bistums Augsburg (KJF), zu der die gemeinnützige GmbH Skywalk Allgäu und rund 80 weitere Einrichtungen gehören. Abgesehen von einem Zuschuss von 200.000 Euro aus dem EU-Förderprogramm Leader plus sei der gemeinnützige Verein KJF selbst für die Mittel aufgekommen. Kirchensteuer, Spenden oder sonstige Mittel der Diözese Augsburg seien nicht eingesetzt worden.

Wie Mayer betont, sei der "Skywalk Allgäu" bewusst als "Integrationsfirma" geschaffen worden; das heißt mindestens 40 Prozent der etwa 20 Beschäftigten müssten einen Behindertenausweis haben. Mit dem Pfad könnten jedoch nicht nur Arbeitsplätze bereitgestellt werden, sondern auch die therapeutischen Angebote der wenige hundert Meter entfernten Kinderrehabilitationsklink Prinzregent Luitpold aufgewertet werden, die ebenfalls von der KJF betrieben wird.

Nach Ansicht von Rollstuhlfahrerin Trautmann ist der Pfad für "Bergfans eine echte Bereicherung". Weil sie selbst aber unter Höhenangst leidet, verbringe sie den Rest ihres Aufenthalts lieber am Boden. "Die Zugangswege zum Skywalk und den Naturerlebnispfad bezeichnet Trautmann als "sehr gut zum Fahren". Einzig ein elektrischer Türöffner zum Informationszentrum und der kostenlose Eintritt für Rollstuhlfahrer seien wünschenswert.

Die Bauarbeiten des Pfads verliefen jedoch nicht ohne Widerstand. Der Bund Naturschutz kritisierte die Maßnahmen als "massive Beeinträchtigung freier Natur". Die KJF hält entgegen, man habe sich bemüht, umweltschonend vorzugehen. Um die Bauteile wie Stahlmasten, Trag- und Abspannseile, sowie Stege möglichst umweltschonend in den Wald zu befördern, seien Kräne benutzt worden anstatt sie hineinzufahren. Die Eingriffe würden zudem "durch Neuanpflanzungen mehr als ausgeglichen". Die offizielle Einweihung des "Skywalks Allgäu" ist im Frühjahr 2011 geplant.

Internet: www.skywalk-allgaeu.de (1976)

(Artikel vom 03.11.2010)