Kleine Schwester der Carmina Burana
Kleine Schwester der Carmina Burana
Filmkomponist Enjott Schneider komponiert Stück für Münchner MotettenChor
Von Lutz Taubert (epd)
Zu seinem 50-jährigen Bestehen hat der Münchner MotettenChor eine ungewöhnliche Komposition beauftragt: Der Filmkomponist Enjott Schneider hat auf Anregung des Dirigenten Hayko Siemens ein "Schwesterwerk", wie es nun die beiden nennen, zu Carl Orffs "Carmina Burana" geschrieben. Es heißt "Orbe Rotundo", "Die Welt ist rund", und soll am Sonntag (5. Dezember) um 17 Uhr im Münchner Herkulessaal uraufgeführt werden, zusammen mit der "Carmina Burana". Damit ist ein abendfüllendes Programm geboten, das dann wohl zur vergleichenden Musikbetrachtung einladen soll: Der Filmkomponist darf und will sich an Orff messen lassen.
Der Anspruch ist gleichwohl ein zweifacher: Gleich und doch anders soll die nachgeborene Schwester sein. So voll praller Lebenslust und mittelalterlich-derber Frivolität wie die Carmina, und doch eigenständig und darüber hinaus gehend, ja keine Doublette enthaltend. Das ist die doppelte Vorgabe, die sich Enjott Schneider selbst gegeben hat.
Zum ersten Teil der Vorgabe: Schneider verwendet den selben oder ähnlichen Stoff für sein Libretto. Der Filmkomponist von "Schlafes Bruder", "Herbstmilch" und "Marienhof" hat offenbar schon seit Jahren bislang unvertonte Dichtungen der "Carmina Burana"-Sammlung in seiner Schublade. Ferner füge man hinzu: Grabinschriften und Bibelzitate aus der Vulgata, Verse des mittelalterlichen Sängers Oswald von Wolkenstein aus dem 14. Jahrhundert und ein paar Zaubersprüche. Und fertig ist's: Ein Pendant zu Orffs "Carmina Burana".
Zur Unterscheidung zu Orff aber gibt es eine andere inhaltliche Ordnung der Textsammlung: "Lieder von Leben, Magie und Tod - Ein szenischer Bilderbogen zum Jahreskreis" heißt der Untertitel des Werkes, der eine gewisse Gliederung ahnen lässt. Während Orff mit seinem mächtigen Schicksalschor vor allem, etwas verkürzt, Liebes- und Fressgelage umrahmt, geht Schneider durch die Jahreszeiten. Er endet aber nicht mit dem Winter, sondern lässt den Frühling am Ende ein zweites Mal auftauchen.
Im Jahreskreis bringt er so klassische mittelalterliche Themen unter wie die Walpurgisnacht, "Jensel und Gretel" (von Oswald von Wolkenstein), den feuerverherrlichenden Johannistag, Erntedank und damit das biblische Lob auf die Schöpfung und das "Memento mori". Dies alles umrahmt die "kreisrunde Erde", "orbe rotundo", eine überdeutliche Parallele zu Orffs ebenfalls zweimal vorgetragenen Chor an die Schicksalsgöttin.
Über die Musik lässt sich vor der Uraufführung schlecht räsonieren. Aber der semiprofessionelle Chor, der die Carmina zu seinem festen Repertoire zählt, tut sich mit der Probe wohl nicht allzu schwer: Es sollen so eingängige Melodien sein, wie sie Orff so genial schlicht erfunden hat: Archaisch-harmonisch, kein die Sache verkomplizierender Kontrapunkt, keine sich entfaltenden Motive. Dafür in der Rhythmik springlebendig, da kommen drei, vier und fünf Viertel im selben Stück vor.
Schneider spricht von Polymetrik, Polyrhythmik, asymmetrische Taktgruppierungen und flirrende Clusterschichtungen. Und die Choristen dürfen gelegentlich wie Hexen lachen, wie Hühner gackern oder auch "eine ekstatische Flüsterfläche" bilden. Überhaupt handelt es sich bei der Neukomposition eigentlich um eine tanzbare Inszenierung unter anderem der mittelalterlichen Derbheiten, doch wird dies bei dieser Uraufführung noch nicht zum Zuge kommen.
In der Besetzung hält sich Schneider streng an Orff: Sopran, Tenor, Bariton, gemischter Chor. Und zieht dieselbe Orchesterformation heran wie bei Carl Orff. In der Orchestration setzt der vielbeschäftigte Gegenwartskomponist, der an der Münchner Musik- und Theaterhochschule eine Professur für Film und Fernsehen innehat, auf "Klangfarben-Zaubereien in archaischer Tonalität". Auf den direkten Vergleich einer neuen Komposition mit der höchst populären und in jeder Hinsicht gewichtigen "Carmina Burana" darf man gespannt sein.
Hinweis: Konzert am Sonntag, 5. Dezember, um 17 Uhr im Herkulessaal in München. Mit dem Mährischen Philharmonischen Orchester Olmütz und den Solisten Sandra Moon, Robert Sellier, Todd Boyce.
Vortrag zur Uraufführung mit dem Komponisten Enjott Schneider am Dienstag, 30. November, um 19 Uhr in der Matthäuskirche am Sendlinger-Tor-Platz. (2165)


