Ein Nikolaus beschenkt sich selbst

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein Nikolaus beschenkt sich selbst

Bernhard Scherer aus dem unterfränkischen Obernbreit verkörpert seit 20 Jahren den Bischof aus Myra - (mit Bild) -

Von Beate Krämer (epd)

Auch ein Nikolaus hat Wünsche, zum Beispiel ein eigenes Kostüm. Nach über zehn Jahren im Leihgewand kann "Nikolaus" Bernhard Scherer aus dem unterfränkischen Obernbreit seit einigen Jahren dank Ehefrau Gertrud in seinem eigenen Bischofsgewand Kindergärten, Schulen und Seniorenkreise besuchen. Rund 15 Auftritte kommen allein dieses Jahr zusammen.

Ein weißes Unterkleid, roter Mantel und Stola, Bischofshut und -stab, Brille, Glocke, weiße Handschuhe und ein weißer Sack - so betritt der Nikolaus den Raum, in dem ihm meist erwartungsvolle Augen entgegenblicken. Scherer enttäuscht weder Kinder noch Senioren. Mit einem modernen Nikolaus-Lied leitet er seit Jahren seine Auftritte ein. Die Senioren können inzwischen schon mitsingen, viele Kinder kennen das Lied sowieso.

Der 61-jährige Landwirt legt großen Wert darauf, sich von kommerziellen Weihnachtsmännern abzusetzen. Dazu gehört auch, dass er für seine Auftritte kein Honorar verlangt, nur Spenden entgegennimmt. Ganz bewusst bezieht er sich auf die Bischofsgestalt aus Myra in der heutigen Türkei, daher auch die Sorgfalt bei der Gestaltung des Gewands mit den Bischofszeichen.

Vor allem den Kindern erzählt er, woher der Brauch der Geschenke am Nikolaustag kommt, dass der Legende nach vor vielen hundert Jahren Nikolaus arme Nachbarsmädchen in Myra beschenkt und während einer Hungersnot Nahrung verteilt haben soll. Die Fortsetzung hat er sich selbst ausgedacht: Als der Nikolaus alt und schwach wurde, habe er die Aufgabe an Nachfolger übertragen. Ihm sei er im Traum erschienen und habe ihn aufgefordert, in das Gewand des frommen Mannes zu schlüpfen.

Die Wirklichkeit war etwas prosaischer: Als Scherers Vorgänger im örtlichen Kindergarten vor etwa 20 Jahren sein Amt aufgab, dachten die Verantwortlichen spontan an ihn als neuen Nikolaus. Da er schon als Jugendlicher gelegentlich in die Rolle geschlüpft war, sagte Scherer zu. Das Gewand lieh er sich in ökumenischer Verbundenheit vom katholischen Kindergarten St. Vinzenz in Kitzingen aus, bis heute eine seiner Stationen rund um den Tag des Heiligen.

Geschenke sind nicht das Wichtigste bei den Auftritten Scherers. Er bemüht sich um einen ganz persönlichen Kontakt zu den Kindern. Zu jedem geht er hin und schüttelt ihm die Hand. "Manche Kinder sind am Anfang ängstlich, aber am Ende geben sie mir alle die Hand", ist seine Erfahrung.

Dazu trägt sicher das kleine Nikolausprogramm Scherers bei. Mit Liedern und kleinen Geschichten bricht er das Eis. Auf seiner Flöte spielt er Lieder vor, die die Kinder erraten dürfen. "Vielleicht schaffe ich es heuer sogar mit der Mundharmonika", hofft der leidenschaftliche Musiker, der seit Jahrzehnten im Posaunenchor und Gesangverein aktiv ist. Auch die Kinder singen und spielen vor, was sie einstudiert haben.

Ganz fehlen dürfen die Geschenke freilich nicht. Zwei starke Jungs prüfen, wie schwer der Sack ist, den der Nikolaus den ganzen Tag mit sich herumschleppen muss. Nicht nur ihre Augen leuchten, wenn sie den Inhalt schließlich ausleeren dürfen.

Eine besondere Freude für die Kinder ist es, wenn der Nikolaus von ihren guten Taten berichten kann. Einige sammelt er sogar selbst. Da er vor allem in der unmittelbaren Umgebung auftritt, kennt er viele Kinder. Manch eines hat er als Bernhard Scherer während des Jahres aufgefordert, einen ihrer Schätze zu teilen; er werde dem Nikolaus darüber einen Brief schreiben.

Natürlich hat schon manches Kind darüber bemerkt, "dass der Scherers Bernhard der Nikolaus ist". Aber das stört den Obernbreiter nicht. Die Erwachsenen kennen ihn sowieso und sprechen ihn auch während des Jahres auf seine Saison-Tätigkeit an. Die Senioren erinnern sich bei seinen Auftritten an alte Zeiten, auch wenn damals weniger ein prunkvoller Nikolaus, als vielmehr der Knecht Ruprecht im Vordergrund stand.

Wenn Scherer das Storm-Gedicht "Von drauß' vom Walde komm ich her" deklamiert, sprechen alle mit. "Das ist für mich auch das Höchste", berichtet Scherer, wie er sich selbst von seinen Auftritten beschenkt fühlt. Eine Steigerung schaffte nur ein dreijähriges Mädchen: Als er zum Abschied ein irisches Segenslied vortrug, stimmte das Kind ein und bewegte den Nikolaus damit so sehr, dass er selbst nicht mehr weitersingen konnte. (2196/b101670; b101671)

(Artikel vom 02.12.2010)