Engagiert in der neuen Heimat
Engagiert in der neuen Heimat
Spätaussiedler: Jüdische, evangelische und katholische Gemeinden leben Integration
Von Pat Christ (epd)
Das Klavier steht noch nicht richtig. "Zieht es etwas nach vorne, in den Raum hinein", sagt Marina Zismann auf Russisch: "So ist es gut!" Zehn Frauen und drei Männer der Gruppe "Menora" stellen sich im Weißen Saal des Jüdischen Gemeindezentrums "Shalom Europa" um das schwarze Instrument. Heute wird für den Auftritt in einem Würzburger Gymnasium geübt. Zismann leitet die Probe. Seit 15 Jahren lebt die 55-jährige gebürtige Russin in Würzburg.
"Ich fühle mich wohl hier", sagt die jüdische Musiklehrerin, "und fast sicher". Immerhin sicherer als damals, zu Hause, in Sankt Petersburg, wo es in den 1990er Jahren oft gefährlich war, auf die Straße zu gehen. Deshalb kam Zismann mit Mann und Kindern nach Würzburg. In eine jüdische Gemeinde, die heute zu 90 Prozent aus Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. "Ich habe hier regelmäßig nur mit zehn Leuten zu tun, die in Deutschland geboren sind", sagt die Musikerin, in deren Chor ausschließlich Kontingentflüchtlinge, also jüdische Aussiedler, singen.
Um die tausend Frauen und Männer gehören der jüdischen Gemeinde Würzburg an, mehr als 900 sind eingewandert, erläutert Claudia Kupermann, die 1994 ihre ukrainische Heimatstadt Vinnitsa verließ, um nach Deutschland zu kommen. Ihr Mann war beim Militär, konnte dort als Jude jedoch keine Karriere machen. Das war einer von mehreren Gründen, warum die Familie emigrierte.
Ebenso wie Zismann engagierte sich Kupermann von Anfang in der Jüdischen Gemeinde. Möglichkeiten, sich einzubringen, mitzuwirken und Gemeindeleben zu gestalten, gebe es viele. "Wir haben ein Jugendzentrum und ein Museum, es gibt Sprach- und Computerkurse", zählt Kupermann auf. Jeder sei schließlich in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit willkommen. Leider nutzten nicht allzu viele Aussiedler diese Angebote.
Olga Kinderknecht, eine Deutsche evangelischen Glaubens, zog 2002 vom kasachischen Schesqasghan nach Würzburg. Hier fühlt sie sich inzwischen zu Hause. Wenn auch nicht immer wohl. "Dass die Leute sagen, wir seien Russen, ärgert mich am meisten", sagt die 38-Jährige. Ihre Mutter hatte ihr genau das vor der Auswanderung prophezeit: "Hier sind wir Faschisten, dort werden wir Russen sein." In der Gemeinde Gethsemanekirche im Würzburger Stadtteil Heuchelhof bleiben ihr solche Etikettierungen erspart. Hier weiß jeder, wer die Lehrerin, die jetzt als Kinderpflegerin arbeiten muss, ist: "Eine Deutsche", wie sie betont.
Kinderknecht hat in ihrer neuen Heimatgemeinde Karriere gemacht: Sie gehört dem Kirchenvorstand an. Acht Männer und Frauen des Gremiums kümmern sich um das Gemeindeleben. Olga Kinderknecht ist die einzige Aussiedlerin, die in das Gremium gewählt wurde.
Überall in Bayern ähnelt sich dieses Bild, erklärt Aussiedlerseelsorger Georg Pfundt: Der meist überproportional hohe Anteil von Aussiedlern spiegelt sich nicht in den Kirchenvorständen wider. Dagegen vorzugehen, versucht in Nordbayern ein Gremium aus Aussiedlern und Aussiedlerseelsorgern, in dem sich auch Pfundt und Kinderknecht engagieren. Doch die Arbeit drohe zunichtegemacht zu werden: "Einige Stellen von Aussiedlerseelsorgern wurden in Bayern bereits abgebaut, andere stehen zur Disposition", sagt Pfundt. Seine eigene Vollzeitstelle wurde vor zwei Jahren halbiert.
Etwa 60 Prozent beträgt der Aussiedleranteil der evangelischen Gemeinde Gethsemanekirche. Nur wenig geringer ist er in der benachbarten katholischen Pfarrei St. Sebastian, der religiösen Heimat von Elisabeth Welsch. Die Banater Schwäbin, die fließend deutsch spricht, kam 1976 aus Rumänien nach Würzburg. Trotz ihres hohen Alters von 86 Jahren ist sie permanent im Einsatz für ihre Pfarrei. Welsch trägt Pfarr- und Geburtstagsbriefe aus. Außerdem hat sie jeden Dienstag Aufsicht im Würzburger Neumünster.
Die jung gebliebene Seniorin, die 1944 nach Russland verschleppt und dort fünf Jahre gefangen gehalten wurde, geht im Gemeindeleben ihrer Pfarrei auf. Von Problemen zwischen Aussiedlern und Einheimischen weiß sie nichts. Auch ihre Freundin Anni Mecher, die einen der beiden - ausschließlich aus Aussiedlern bestehenden - Seniorenchöre in St. Sebastian leitet, spricht von einem sehr guten Miteinander in der Pfarrei.
Nur "draußen", da würden halt immer wieder abfällige Bemerkungen laut. Die Straßenbahn zum Beispiel, die von der Innenstadt zum Heuchelhof führt, wird "Sibirischer Express" genannt. Allerdings nur von dummen Menschen, finden die Aussiedler vom Heuchelhof: "Von solchen, die ihre eigene Geschichte nicht kennen." (2239/b101730-b101732)


