Die Einsamkeit für einen Abend vergessen
Die Einsamkeit für einen Abend vergessen
Weihnachtsfeiern für Alleinstehende besuchen sowohl Obdachlose als auch Professoren - (mit Bild)
Von Sabine Ludwig (epd)
Stille Nacht, einsame Nacht. Für Tausende Menschen in Bayern ist das Jahr für Jahr Realität. Doch es gibt auch immer mehr Heiligabend-Feiern für Einsame, Alleinstehende und Bedürftige. Die größte dieser Art im Freistaat veranstaltet seit 60 Jahren das Münchner Hofbräuhaus. Die rund 1.000 kostenlosen Eintrittskarten werden von Sozialarbeitern in und um München an Bedürftige verteilt. Doch auch der CVJM in Würzburg legt sich jedes Jahr am 24. Dezember für Einsame ins Zeug.
Der katholische Münchner Weihbischof Engelbert Siebler hält in diesem Jahr die Weihnachtsandacht im Hofbräuhaus, sagt Bettina Göbner von der Erzdiözese München und Freising: "Es gibt Essen und Trinken, eine Life-Band spielt weihnachtliche Weisen und jeder bekommt ein Geschenk." Wie jedes Jahr werde der Saal am Nachmittag von den Schülern der Städtischen Salvator-Realschule geschmückt. Organisiert und finanziert wird das Fest vom katholischen Männerfürsorgeverband. "Der Ansturm ist so groß, dass in diesem Jahr die Sitzplätze erweitert werden müssen", sagt Göbner.
Auch der Würzburger Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) weiß um die Beliebtheit seiner Heiligabendfeier. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde zum ersten Mal gefeiert. Damals, 1948, noch in bescheidenem Rahmen, mit belegten Brötchen, Wasser und einer kleinen Geschenktüte. Später kam die "Kleiderkammer" hinzu. Getragene, gut erhaltene Kleidung wurde vor Weihnachten gesammelt und sortiert. Ausgegeben wurde sie an die Gäste erst nach dem Fest. Jeder konnte sich ein paar Teile aussuchen. Mitte der 90er Jahre wurde die Kleideraufbereitung zu arbeitsaufwändig und eingestellt.
Ehrenamtliche Helfer gibt es viele, Jochen Axe ist einer von ihnen. Schon seit 22 Jahren. Heiligabend um Heiligabend, zuerst als "Mann für alles", seit zehn Jahren als Koch. Wie seine Mitstreiter auch möchte er den 24. Dezember anders verbringen als bei einer klassischen Familienfeier. Er will Gutes tun. "Ich bin mit dem CVJM aufgewachsen", sagt der Würzburger. Zusammen sein mit Gleichaltrigen, das habe ihn von klein auf begeistert. Später packte er selbst mit an, wurde Jugendleiter. Nach dem Tod des Vaters war es Mutter Edith, die seinen Wunsch unterstützte, bei den Heiligabendfeiern mitzuhelfen.
Auch an diesem Freitag wird er wieder in der Küche stehen, von 10 Uhr morgens bis zum frühen Abend. Dieses Jahr gibt es Schaschlikspieße mit Reis und Eisbergsalat. 140 Portionen. Dazu Wasser und Saft, später - nach der Weihnachtsgeschichte - auch noch Plätzchen und alkoholfreien Punsch. Jedes Jahr kommen mehr als 100 Gäste. "Vom Obdachlosen bis zum Professor ist jede soziale Schicht vertreten. Die Feier steht allen offen", sagt Axe. Manchmal kämen auch Familien, doch das sei eher die Ausnahme. Das Gros der Besucher ist zwischen 45 und 70 Jahre alt, in der Mehrzahl Männer.
Der Eintritt ist kostenlos, sagt der ledige 36-Jährige: "Wichtig ist uns vor allem, dass die Gäste untereinander ins Gespräch kommen." An den Tischen sind ein bis zwei Helfer vertreten, die die Kontakte erleichtern. Sie wissen, worauf es ankommt: Sorgen und Ängste ausblenden, zumindest für ein paar Stunden. Die meisten haben eine Ausbildung als Jugendleiter und können mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen. Das kommt an. Axe kann sich nicht erinnern, jemals auch nur einen Konflikt oder Streit unter den Besuchern erlebt zu haben: "Bis jetzt war?s immer friedlich."
Nach besinnlichen vier Stunden mit Predigt, Weihnachtsliedersingen und Gesprächen werden die entfernter lebenden Gäste mit Bussen nach Hause gebracht. Wie jedes Jahr bekommt jeder Gast auch noch ein Geschenk mit auf den Heimweg - eine Stofftasche, gefüllt mit nützlichen Dingen.
Für Axe und seine Mitstreiter ist der Heilige Abend dann aber noch längst nicht vorbei: "Zunächst räumen wir noch gemeinsam auf - und anschließend gehen wir feiern. In eine Kneipe oder bei uns zu Hause." Wie jedes Jahr begleitet sie dabei das gute Gefühl, zur Weihnachtsfreude anderer beigetragen zu haben. (2339/b101890)


