Heimat auf Zeit für gestrauchelte Jugendliche

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Heimat auf Zeit für gestrauchelte Jugendliche

Fernsehgottesdienst über die Rummelsberger Jugendhilfe (Korrespondentenbericht)

Mit Markus hatte es niemand leicht. Er mit sich selbst am allerwenigsten. "Es gab keinen Tag, an dem ich ohne blaue Flecken aus Schule nach Hause gekommen bin", erinnert er sich. Die Mutter kam nicht mehr klar mit ihm, der Vater war früh gestorben, mit dem Stiefvater gab's ständig Ärger. Auch mit der Großmutter, zu der sich der Junge abgeschoben fühlte, gab es kein Auskommen. Markus verweigerte sich immer mehr. Schließlich flog er von der Schule.

Heute zählt Markus zu den besten seiner Klasse. Ausgerechnet in Mathe und Deutsch, was ihm vorher am meisten zu schaffen machte, ist er Spitze. "Markus hat ganz viele Talente", sagt Dieter Ritter. Der Diakon leitet die Gruppe im Jugendhilfezentrum von Rummelsberg bei Nürnberg, in der Markus sein Leben wieder in den Griff bekommen hat. Es ist eine "Heimat auf Zeit", von der ein Gottesdienst im ZDF und ORF am kommenden Sonntag, 16. Januar, berichten wird.

Ab 9.30 Uhr läuft die Übertragung live aus der Philippuskirche des mittelfränkischen Diakonie-Orts. Er lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen: Markus und zwei seiner Kumpels, die Erzieher, die Rummelsberger Pfarrerin Gabriele Gerndt als Predigerin und Karl-Heinz Bierlein, Vorstandsvorsitzender der Rummelsberger Anstalten, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

Markus und seine Kumpels in eine Live-Sendung einzubinden, ist ein Wagnis. Doch schon beim Kameratraining in Berlin, das alle Akteure der diesjährigen ZDF-Gottesdienste absolvierten, waren die Fernsehleute von den Rummelsberger Jungs begeistert. Vor allem, weil sie auch vor der Kamera ganz sie selbst waren.

Im Jugendhilfezentrum lebt Markus mit einer Gruppe Jungs zusammen, die wie eine Familie ein eigenes Haus bewohnt. Es gab eine Zeit, "da ging's ganz schön ab", erzählt Diakon Ritter. Eingeschlagene Fensterscheiben waren noch das Harmloseste. Für das Erzieherteam hieß das: Dranbleiben! Nach intensiven Gruppengesprächen beruhigte sich die Lage wieder.

Noch immer wissen Eltern zu wenig, dass es für Jungen und Mädchen, die mehr als die übliche Unterstützung brauchen, professionellen Beistand durch die Kinder- und Jugendhilfe gibt. Darüber aufzuklären, ist ein Ziel des Fernsehgottesdienstes. Denn ohne Hilfe, weiß Erzieher Ritter, wären manche seiner Jungs auf der Straße oder im Knast gelandet. Die Rummelsberger Anstalten der Inneren Mission haben auf diesen Gebiet 100 Jahre Erfahrung. 1905 begann ihre Geschichte mit der Gründung eines so genannten Rettungshauses für verwahrloste Jugendliche.

(Artikel vom 11.01.2005)