"Die Demokratie war eine Erfindung gegen die Kirchen"
"Die Demokratie war eine Erfindung gegen die Kirchen"
Grosser: Christentum als geistige Grundlage Europas nur bedingt geeignet (mit Bild)
Das Christentum eignet sich nach Auffassung des französisch-deutschen Soziologen und Politikwissenschaftlers Alfred Grosser nur bedingt als geistige Grundlage für ein vereintes Europa. "Der christliche Glaube ist in seiner Geschichte nicht friedfertig gewesen, die Demokratie war eine Erfindung gegen die Kirchen", sagte Grosser am Dienstagabend beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing. Die Kirchen hätten die Menschen lange in Unmündigkeit gehalten und ihnen geraten: "Halte Dich ruhig, Dein Lohn kommt auf der anderen Seite".
Mitleid und "Verständnis für die Leiden der anderen" müssten die Grundlage des neuen Europas werden, betonte der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Viele christliche Europäer hätten das inzwischen verstanden. Sie sollten einem imperialistischen Gottesverständnis, wie es George Bush und Ariel Scharon vertreten, einen mit allen Völkern der Welt mitleidenden Gott gegenüber stellen.
Grosser setzte sich auch dafür ein, die Leiden der Deutschen durch Krieg und Vertreibung nicht zu vergessen oder zu verkleinern. Ein Mitgefühl für die Deutschen könne wiederum das Mitgefühl für die Nazi-Opfer stärken. Es sei bahnbrechend für Europa gewesen, dass sich der neue deutsche Staat nach dem Kriege eine Verfassung gegeben habe, in der nicht die Nation, sondern die Würde aller Menschen betont werde, sagte Grosser weiter. "Diese deutsche Leitkultur sollte sich in ganz Europa verbreiten."
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