Ein Krokodil für Liselotte

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein Krokodil für Liselotte

In der Langau können behinderte Menschen Urlaub machen - (mit Bild) Von Rieke C. Harmsen (epd)

Liselotte mag Krokodile. Und die Langau. "Hier ist Urlaub", sagt die 61-Jährige und lächelt zufrieden ihre Betreuerin an. Liselotte sitzt im Rollstuhl und ist schwer mehrfach behindert. Seit vielen Jahren kommt sie einmal jährlich für zehn Tage in die Einrichtung in das oberbayerische Voralpenland. In dem gemütlichen Bauernhaus verbringt sie ihren Urlaub - oft ist es der einzige im Jahr.

Liselotte ist eine von rund 6,7 Millionen schwer behinderten Menschen in Deutschland. Wenn sie Urlaub machen möchte, bedeutet das für alle Beteiligten einen hohen Aufwand: Sie muss in der Wohnung in Kitzingen abgeholt werden und mitsamt Rollstuhl in die Langau gefahren werden. Dort benötigt sie ganztägig Betreuung und Pflege.

In diesem Jahr umfasst die Urlaubsgruppe um Liselotte knapp fünfzig Menschen: 19 Helfer betreuen 30 Teilnehmer. Das ist ein guter Betreuungsschlüssel, erklärt Leiterin Christa Hassert, die die Freizeiten organisiert. "Im Laufe der Jahre sind wir zu einer eingeschworenen Truppe mit vielen Freundschaften geworden", sagt sie.

Für Liselotte bedeutet der Betreuungsschlüssel vor allem Freiheit: Mal geht es zur nahegelegenen Wieskirche oder zum Gottesdienst in die kleine Kapelle. Im Aufenthaltsraum wird täglich gespielt, gebastelt, vorgelesen oder Theater gespielt. Abends gibt es Würstchen vom Grill oder Tanz - mitsamt Rollstühlen, versteht sich.

Von den Erlebnissen in der Langau zehrt Liselotte ein ganzes Jahr. Denn in der Werkstatt für Behinderte, wo sie für einen Autozulieferer kleine Gummiteile montiert, kann sie nur gelegentlich arbeiten. Zu Hause ist es tagsüber still und einsam, weil die Schwester, mit der sie eine Wohnung teilt, berufstätig ist. "Den ganzen Tag im Bett und Fernsehen", sagt Liselotte, "da wird man blöd dabei". In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit ihrer Puppensammlung oder hört Radio. "Viel zu viel Babbelbabbel", sagt Liselotte und fügt mit Nachdruck hinzu: "Ich mag Schlager."

Die Urlaubsgruppe von Liselotte ist über die Jahre eng zusammengewachsen. Die Betreuerin Anna Klein-Krusinova aus der Slowakei etwa ist schon zwölf Jahre dabei. Die Schulrätin nimmt Urlaub von ihrer Arbeit, um in die Langau kommen zu können. "Hier sind die Menschen, wie sie sind", sagt Klein-Krusinova. Das gemeinsame Leben führe dazu, dass man viele Dinge des Alltags mit anderen Augen betrachte. "Wir helfen uns gegenseitig", ist sie überzeugt.

Zum 60. Geburtstag hat Liselotte damals von ihren Betreuern ein großes Krokodil aus Teig geschenkt bekommen. Das Krokodil ist längst verspeist. Aber Liselotte kommt bestimmt wieder in die Langau. (0446/b110130; -31)

(Artikel vom 04.03.2011)