Herzogsägmühle prognostiziert "leichte Existenzbedrohung"

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Herzogsägmühle prognostiziert "leichte Existenzbedrohung"

Sozialdorf will mit mehr Angeboten für nichtbehinderte Menschen gegensteuern

Das evangelische Sozialdorf Herzogsägmühle (HSM) sieht sich von der UN-Konvention zur Inklusion infrage gestellt. "Die Vorstellung, dass behinderte Kinder in 'normale' Schulen gehen, sorgt weder in den Schulen noch bei uns für Heiterkeit", sagte HSM-Direktor Wilfried Knorr bei der Jahrespressekonferenz am Mittwoch im oberbayerischen Peiting.

Die Konvention der Vereinten Nationen ist seit 2009 für Deutschland verbindlich. Sie fordert, dass Menschen mit Behinderung ebenso wie alle anderen selbstbestimmt und gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilhaben. Menschen mit Behinderung sollen daher nicht länger in speziellen Einrichtungen wie Sonderschulen unterstützt werden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft "normale" Einrichtungen besuchen.

Einrichtungen wie Herzogsägmühle als eigener Ort für Menschen mit Förderungsbedarf müssten ihr Dasein nun rechtfertigen, erklärte Knorr. Prinzipiell halte er den Gedanken, Hilfsbedürftige nicht auszugrenzen, natürlich für wichtig. Er betonte: "In der praktischem Umsetzung wird es aber problematisch, wenn die Lebensqualität der Betroffenen durch Überforderung oder Vernachlässigung leidet."

Der "leichten Existenzbedrohung", wie Knorr sie nannte, wolle er mit einer Umkehrung der Inklusion begegnen: "Damit wir nicht auf der Abschussliste der internationalen Politik landen, müssen wir unser Dorf möglichst 'normal' machen." Durch spezielle Angebote, die nichtbehinderte Menschen nach Herzogsägmühle locken, soll das Dorf langfristig den Charakter eines Ortes nur für Benachteiligte verlieren.

Auch das Thema "Freiwilliges Soziales Jahr" (FSJ) beschäftigt das Sozialdorf der Inneren Mission München. "Wir wollen darauf setzen, dass die Teilnehmer eines FSJ bei uns Zusatzqualifikationen wie LKW- oder Computer-Führerschein machen können, die ihnen im Beruf weiterhelfen", erklärte Knorr. Neben diversen Bauprojekten freue er sich besonders darauf, in diesem Jahr Europas erste rollstuhlgerechte Kneippanlage zu eröffnen.

Herzogsägmühle ist eine evangelische Einrichtung der Inneren Mission München, in der 700 förderbedürftige Menschen zusammen mit rund 200 Mitarbeitern und deren Angehörigen in einer Dorfgemeinschaft leben und arbeiten. (0490)

(Artikel vom 09.03.2011)