Der Mut, sich ewig zu binden

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Mut, sich ewig zu binden

In Augsburg wirbt das katholische Priesterseminar St. Hieronymus um neue Seminaristen - Von Nadja Mayer (epd)

Wie ein weißes Raumschiff überstrahlt das Gebäude seine Umgebung am Rande des Augsburger Industriegebiets Hochfeld. Ein breiter Weg führt zu dem video-überwachten Eingang des Multifunktionsbaus. An der Pforte sitzt eine weißhaarige kleine Ordensschwester. Sie gibt gerne Auskunft, erzählt von der über 400-jährigen Geschichte des Priesterseminars St. Hieronymus, das bis 1987 noch in Dillingen untergebracht war. Damals beherbergte das Haus noch mehr als 120 Seminaristen. Heute sind es 38. Andreas und Benedikt sind zwei davon. Regens Martin Straub hat sie auserwählt, um von der Ausbildung in St. Hieronymus zu berichten.

Die beiden jungen Männer führen durch die Eingangshalle zur Kirche. Alles ist weiß, verwinkelt und lichtdurchflutet. An der Schwelle zur Kirche bekreuzigen sie sich. Die Halle ist der Mittelpunkt des Gebäudes, alle anderen Räume gruppieren sich um sie herum. Ihr Herzstück bildet der Tabernakel, das Allerheiligste.

Der jüngere der beiden Männer, der 24-jährige Benedikt, kam gleich nach dem Abitur nach St. Hieronymus. Natürlich war das Zölibat eine entscheidende Frage. Immer wieder kommen die beiden jungen Männer darauf zu sprechen. "Es ist das erste, was wir gefragt werden." Benedikts Antwort ist anzuhören, dass er sie hunderte Male schon geben musste, stundenlange Diskussionen deswegen geführt hat. "Der Stein, der einem am Anfang in den Weg gelegt wird, ist mittlerweile ein Edelstein", lautet seine Antwort.

Benedikt erlebt manchmal sogar Momente, in denen er eine richtige Glückseligkeit verspürt. Er ist auf der letzten Stufe. In einem Jahr empfängt er seine Weihe. Mit nach vorne gerichtetem Blick aus wasserblauen Augen erzählt er von seiner Entscheidung. Die Arbeit in der katholischen Jugend, seine Familie, das sonntägliche Ministrieren ? alles in seinem Leben hatte auf das Priestertum zugestrebt. Man nennt es die Berufungsgeschichte. Jeder Priester hat sie.

Doch sie ist meist profaner als sich die Bezeichnung anhört. Der 25-jährige Andreas überlegt eine Weile, bis er die Antwort gibt. "Ich hatte keine Erscheinung, es war eine rationale Überlegung." Der Beruf des Priesters hatte für ihn eine so große Bedeutung, ihm war so wichtig, sein Leben anderen Menschen zu widmen, dass er sich dafür entschied. Sogar von seiner Freundin hatte er sich dafür getrennt. Und ihn haben auch Zweifel überkommen ? als ein guter Freund geheiratet, ein Haus gebaut und ein Kind bekommen hat. Als er auch dort eine Form der Liebe, des Vertrauens und der Verbindlichkeit erkannte, wie er es ausdrückt. Für solche Krisen und Zweifel genügt dann oft auch nicht der geistliche Begleiter, der jedem Seminaristen zur Seite steht. Es gibt nur die eine Wahl: gegen die Zweifel ankämpfen oder sie akzeptieren.

Während Benedikt spricht, wandert sein Blick oft nach oben ? als würde er dort die passende Antwort finden. "Letztendlich bedeutet für mich das Zölibat den Mut, sich auf ewig zu binden", formuliert er schließlich. "Wer ist denn heute noch bereit, sich für immer zu binden?" Obwohl es von außen wie eine in sich geschlossene Sphäre erscheint, betonen die beiden jungen Männer in Jeans und Sweatshirt immer wieder, wie normal hier alles ist. Es gibt eine Bierstube. Fasching wird gefeiert. Sie verdienen sich in den Semesterferien mit Nebenjobs Geld dazu wie andere Studenten auch. Doch während andere Gleichaltrige ihre ganze Liebe dem Leben schenken, geben sie die ihre Gott allein. Der Vorgänger des jetzigen Seminarleiters, der Benedikt vor fünf Jahren aufgenommen hatte, nannte darum das Priesterseminar auch das Klärwerk. Benedikt lacht, als er das erzählt.

Doch in jedem Jahrgang gibt es auch immer mindestens einen, manchmal auch zwei oder drei Abbrecher. "Zweifel an der Berufung oder menschliche Defizite" sind die häufigsten Gründe, wie Regens Martin Straub erklärt. Manchmal geht der Seminarist freiwillig, manchmal legen es ihm die Seminarleiter nahe. Das dritte Jahr ist entscheidend: Das sogenannte Freijahr ist die Zeit der Bewährung. Dann stellt sich meist heraus, ob jemand für das Priesteramt geeignet ist. Die Seminaristen werden für zwei Semester an eine andere Universität entsandt. Dort leben sie in ihrer eigenen Wohnung und führen ein ganz normales Studentenleben. Mit allem was dazu gehört ? außer den Mädchen. (0514/b110810)

(Artikel vom 11.03.2011)