Koranlektüre an der Grundschule
Koranlektüre an der Grundschule
In Bayern besuchen bundesweit die meisten Schüler den islamischen Religionsunterricht - Von Imke Plesch (epd)
Immer wieder muss Amina Ben Halima im islamischen Religionsunterricht der Unkenntnis entgegentreten. "Die Schüler hören viel Falsches über den Koran", sagt die Lehrerin. Und dann erzählt sie die Geschichte einer 14-jährigen Schülerin: Die Eltern hatten dem Mädchen einen Mann zur Heirat ausgesucht, "weil das so im Koran steht". Unwissen, wie Ben Halima erklärt, denn eine entsprechende Stelle gibt es nicht. "Wir fangen das ab, klären auf und trennen zwischen Religion und Traditionen verschiedener Herkunftsländer."
Die Tunesierin Ben Halima, die in ihrer Heimat eine Ausbildung zur Arabisch- und Französischlehrerin absolviert hat, unterrichtet an mehreren Grund- und Hauptschulen im Münchner Problemviertel Hasenbergl. Wie hier gibt es islamischen Religionsunterricht an rund 260 Schulen im Freistaat. Rund zehn Prozent der 111.000 bayerischen muslimischen Schüler nutzen das Angebot. Damit ist Bayern bundesweit Spitzenreiter und erreicht mehr Schüler als die fünf weiteren Bundesländer, in denen bislang ein Schulversuch islamischer Religionsunterricht existiert.
An der Grundschule an der Paulckestraße in München-Hasenbergl besucht ein Drittel der 240 Schüler den islamischen Religionsunterricht. 20 Prozent der muslimischen Eltern haben ihre Kinder für den Ethikunterricht angemeldet. Islam-, Ethik- und christlicher Religionsunterricht werden soweit wie möglich parallel unterrichtet und haben die gleiche Stundenzahl. Die Noten werden gleich gewichtet.
Ziel des islamischen Religionsunterrichtes ist es laut bayerischem Lehrplan, "den Kindern erste Grundlagen ihrer eigenen Religion im Sinne sicherer Bezugspunkte für die religiöse Selbstverortung zu vermitteln". Die Koranlektüre ist ein Bestandteil des Unterrichts. "Das ist ungefähr so, als ob sie mit Grundschülern Goethes Faust lesen würden", erklärt der Ägypter Adel El Sheimy, der zusammen mit Ben Halima an der Schule in München-Hasenbergl unterrichtet. Die Lehrer vereinfachen die Texte und vermitteln den Kindern Grundkenntnisse im Arabischen. In Koranschulen bestehe der Unterricht dagegen oft nur aus Auswendiglernen, kritisiert Ben Halima.
Viele türkische Eltern waren anfangs skeptisch, ihre Kinder von arabisch-stämmigen Lehrern unterrichten zu lassen, berichten die beiden Lehrer. Andere beschwerten sich über das Bild einer christlichen Kirche mit Kreuz im Schulheft oder wollten ihrem Kind verbieten, am Unterrichtsausflug in eine Kirche teilzunehmen. Doch auf Elternabenden und im persönlichen Gespräch konnten die Tunesierin und der Ägypter diese Vorbehalte entkräften.
In Bayern basieren die aktuellen Lehrpläne für Grund- und Hauptschule auf dem sogenannten Erlanger Modell. In der mittelfränkischen Stadt, die in Sachen islamischer Religionsunterricht bundesweit eine Vorreiterrolle einnimmt, gibt es das Unterrichtsfach im Modellversuch seit dem Schuljahr 2003/2004. Den Lehrplan erarbeiteten die muslimischen Gruppen vor Ort gemeinsam mit dem Kultusministerium sowie mit islamischen und christlichen Theologen, Religions- und Islamwissenschaftlern sowie Pädagogen.
Ein Punkt des Lehrplans lautet "Inhalte anderer Religionen und das Zusammenleben mit ihren Angehörigen". Dies ist ein Aspekt, den die beiden Lehrer für besonders wichtig halten. Zu religiösen Festen machen die Lehrer daher gemeinsamen Unterricht mit ihren christlichen Kollegen. "Die Kinder erzählen sich dann gegenseitig von ihrer Religion", sagt El Sheimy. "Sie sollen wissen, was die anderen glauben und was sie selber glauben. So bauen sie Vorurteile ab."
Nicht zuletzt ist der Besuch der christlichen Schüler im Islamunterricht eine Selbstbestätigung für die jungen Muslime: Hier sind sie die Gastgeber und nicht mehr die Minderheit. "Sie fühlen sich endlich anerkannt", erzählt El Sheimy. Diese Anerkennung ist für ihn der Haupteffekt des Islamunterrichts: "Endlich können sich die muslimischen Schüler innerhalb einer deutschen Bildungsinstitution mit ihrer Religion beschäftigen. Ich merke, wie dadurch die Trennwand zwischen den Schülern und der Gesellschaft verschwindet." (0645)


