Leben im Schatten der Kühltürme
Leben im Schatten der Kühltürme
Viele evangelische Christen positionieren sich offen gegen Atomkraft, nicht aber die direkten Nachbarn -
Von der Terrasse des Schweinfurter Main-Cafés aus gesehen verschmilzt der Dampf aus den zwei Kühltürmen des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld mit den Abgasen der Müllverbrennungsanlage. Babs Günther vom Aktionsbündnis gegen Atomkraft hat Mühe, die drei Dunstsäulen auseinanderzuhalten. Seit 33 Jahren lebt sie im unterfränkischen Gochsheim, etwa sieben Kilometer entfernt von Grafenrheinfeld. Sie arbeitet in Schweinfurt, hat drei Kinder großgezogen, seit kurzem hat sie auch einen Enkel.
Man tut Babs Günther nicht unrecht, wenn man sie als entschiedene Atomkraftgegnerin bezeichnet. In nächster Nähe zu einer Atomanlage zu leben, das gelinge ihr nur "durch mein Engagement, das ist ein wichtiges Ventil", sagt sie. Zudem blende man die Gefahr teilweise aus, "sonst wird man kirre".
Käme es zum Super-GAU in Grafenrheinfeld - Atomkraft-Befürworter halten es für nahezu unmöglich - und würde er so ablaufen, wie ihn die Autorin Gudrun Pausewang in ihrem Buch "Die Wolke" von 1987 fiktiv beschrieben hat: Alle Menschen im Großraum Schweinfurt müssten sterben. Würde sich eine Reaktorkatastrophe so schleichend entwickeln wie im japanischen Fukushima: Alle 50.000 Einwohner der drittgrößten Stadt Unterfrankens müssten evakuiert werden, denn Schweinfurts Zentrum ist nicht einmal zehn Kilometer vom AKW entfernt.
Ein atomarer Unfall träfe auch Pfarrerin Eva Loos von der Dreieinigkeitskirche. Sie engagiert sich schon seit Jahren gegen Atomkraft, nimmt an den Mahnwachen des Aktionsbündnisses am Georg-Wichtermann-Platz teil, unterstützt die monatliche Andacht beim Wegkreuz direkt am Kraftwerkszaun. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Fukushima hatte sie Mitte März zu einem ökumenischen Fürbittengottesdienst eingeladen. Mitveranstalterinnen waren die Pfarrerin Elke Münster (St. Johannis) und die Pfarrgemeinderätin Li Langen.
Eva Loos hat im April Geburtstag. Jedes Jahr um diese Zeit wird das Kraftwerk abgeschaltet, sagt sie, zur Wartung und Reparatur: "Das ist mein Geburtstagsgeschenk, wenn die Dampfsäule endlich mal wieder weg ist!" Wie just in diesen Tagen. Unter anderem wird jetzt der mögliche Schaden an einem Thermoschutzrohr behoben, der seit vergangenem Jahr für kritische Schlagzeilen sorgte. Doch ihr Geburtstag erinnere sie immer auch an Tschernobyl, sagt Loos. Der Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk geschah vor fast 25 Jahren - am 26. April 1986.
In Euerbach, rund acht Kilometer nördlich von Grafenrheinfeld, wohnt die bayerische Synodale Renate Käser. Sie hat bei der vorigen Herbsttagung der Synode in Neu-Ulm einen Dringlichkeitsantrag eingebracht: "Die Landessynode möge beschließen: Sie spricht sich gegen den Atomkompromiss der Bundesregierung und die Laufzeitverlängerung von AKWs aus." Die Mehrheit der Synodalen stimmte dem Antrag zu. "Atomkraft ist von der Gefährlichkeit her für mich nicht akzeptabel", sagt Käser ? und ergänzt über ihre Wohnsituation in der Nähe eines Atomkraftwerks: "Mir ist bewusst, dass ich die Gefahr verdränge. Aber irgendwie bezieht man es ins Leben ein."
Das AKW Grafenrheinfeld steht am linken Mainufer, zwei Kilometer südlich von Grafenrheinfeld. Die weithin sichtbaren Kühltürme sind 143 Meter hoch, betrieben wird das AKW vom Energiemulti E.on, in der Reaktorkuppel lagern 193 Brennelemente mit einem Gesamtgewicht von 103 Tonnen. Das Kraftwerk, in dem rund 370 Beschäftigte arbeiten, ging 1981 ans Netz - nach dem Abschalten der sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke wegen des Atom-Moratoriums der Bundesregierung ist es somit das älteste noch in Betrieb befindliche AKW.
Die Atomkraft-Befürworter verweisen unterdessen auch in Grafenrheinfeld auf die hohen deutschen Sicherheitsstandards. Und die Versorgungssicherheit, die das AKW Grafenrheinfeld mit seinen rund 10 Milliarden erzeugten Kilowattstunden brutto pro Jahr schafft. "Somit deckt es einen großen Teil der Grundversorgung des Freistaats Bayern ab", betont Betreiber E.on. Eine computertomographische Untersuchung verursache mehr Strahlenbelastung "als das Wohnen neben einem Kernkraftwerk für die Dauer von 1.000 Jahren", heißt es weiter.
Keine 2.000 Meter entfernt vom AKW steht die Bergrheinfelder Kirche "Zum guten Hirten", zuständig auch für Grafenrheinfeld. Im Schaukasten hängt ein Spendenaufruf des Diakonischen Werkes Bayern für die Opfer in Japans Krisenregion. "Mit einem Erdbeben dieser Stärke haben offenbar selbst Experten nicht gerechnet", steht in dem Papier aus Nürnberg zu lesen: "Das evangelische Hilfswerk weist darauf hin, dass die Abwägung der Risiken der Atomkraft verbessert werden muss."
Aber wie überall, wo Kernkraftwerke stehen, Arbeitsplätze sichern und Gewerbesteuereinnahmen sprudeln lassen, gibt es auch in Grafenrheinfeld viele Befürworter. So kritisch die bayerische evangelische Landeskirche insgesamt der Atomkraft gegenübersteht, so wenig wollen sich die Evangelischen vor Ort über das Kraftwerk äußern: Eine Mehrheit der dortigen Kirchenvorsteher stimmte gegen ein Gespräch mit der Presse. Nach der Fukushima-Katastrophe wollen sie sich lieber nicht zu ihrem Leben neben dem deutschen Atommeiler äußern. (0726/b111030, b111031, b111032)


