Glaubensgenossen in Not: Dokumentation über Kirchliche Hilfsstellen erschienen
Glaubensgenossen in Not: Dokumentation über Kirchliche Hilfsstellen erschienen
Drei Fragen an den Kirchenhistoriker Karl-Heinz Fix - (epd-Gespräch)
Der Kirchenhistoriker Karl-Heinz Fix von der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München hat ein Buch über die Hilfsstellen für "nichtarische" Christen verfasst. Diese Einrichtungen entstanden 1938/39 und hatten die Aufgabe, protestantische "Nichtarier" in Bayern zu unterstützen. Im epd-Gespräch erklärt Fix den Zweck der Publikation.
epd: Sie haben die Dokumentation "Glaubensgenossen in Not" für die bayerische Landeskirche erstellt. Worum geht es darin?
Fix: Die Dokumentation zeigt die ganze Breite des Themas der Hilfsstellen für "nichtarische" Christen und deren Vorgeschichte auf. Sie enthält daher auch Dokumente aus den 1920er Jahren, die die bayerische Diskussion um die sogenannte "Judenfrage" beleuchten, und veranschaulicht beispielsweise die Positionen von Theologen und Pfarrern in Bezug auf den sogenannten "Arierparagraphen" in der Kirche seit 1933. Das Buch dokumentiert gleichermaßen Leistung und Versagen der Landeskirche und ermöglicht ein differenziertes und fundiertes Urteil über den Umgang der Landeskirche mit den aus rassischen Gründen verfolgten Protestanten.
epd: Gab es überraschende Erkenntnisse?
Fix: Aus der Dokumentation wird deutlich, wie verbreitet die Kenntnis über die nationalsozialistische Rassepolitik war. Die Kirchenleitung war bestens darüber informiert, da kann sich keiner herausreden und behaupten, er habe das nicht gewusst. Andererseits belegen die Dokumente, dass die Hilfsstelle für rassisch verfolgte Protestanten in der Pfarrerschaft bestens bekannt war und mit einem jährlichen Budget von 10.000 Reichsmark im Vergleich zu anderen Landeskirchen gut ausgestattet wurde. Pfarrer Johannes Zwanzger in München und Pfarrer Hans Werner Jordan in Nürnberg betreuten bis Ende November 1940 insgesamt rund 900 Personen und verhalfen über 120 rassisch verfolgten Christen dazu, das Land zu verlassen. Das Buch enthält auch Akten, die zeigen, wie bayerische Pfarrer mit Gutachten oder Leumundszeugnissen versucht haben, den verfolgten Protestanten zu helfen, aber eben nur diesen und nicht auch anderen Verfolgten.
epd: Was erhoffen Sie sich von der Publikation?
Fix: Das Buch möchte einen Beitrag zur differenzierten Betrachtung der Geschichte der evangelischen Landeskirche im Nationalsozialismus leisten. Es will die Erinnerung wachhalten an das Schicksal einzelner Menschen, die nach Vorstellungen der Nationalsozialisten hätten vernichtet werden sollen. Ich hoffe, dass die Publikation Gemeinden und Schulen dazu anregt, sich mit dem Thema oder mit einem Einzelschicksal zu beschäftigen und die Forschung vor Ort weiterzuführen.
Karl-Heinz Fix: Glaubensgenossen in Not - Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Hilfe für aus rassischen Gründen verfolgte Protestanten - Eine Dokumentation. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. (0823)


