Auf Luthers Spuren

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Auf Luthers Spuren

Stadttour führt Neugierige durch die evangelische Geschichte Münchens

Sonntagmittag vor dem Münchner Jagdmuseum: Menschen bleiben stehen, schauen sich um, lesen nach. Fast wie bei einem Blind Date weiß man nicht genau, wer diesen Platz als Treffpunkt besucht und wer nur zufällig Rast macht. Doch dann erscheint die Frau mit der roten Umhängetasche, und es kommt Licht ins Dunkel: Wer darauf wartet, auf Luthers Spuren durch München zu wandeln, der löst jetzt bei Annette Gebhardt sein Ticket. Schnell hat sich die siebenköpfige Gruppe gefunden, und die Themen-Stadtführung geht los.

In etwa 30.000 Rundgängen bringt der Veranstalter "Stattreisen" in 19 Städten mehr als 600.000 Teilnehmer pro Jahr dazu, ihre vermeintlich wohlbekannte Stadt neu zu entdecken. "Unser Name ist Programm", erklärt Eva Strauß von Stattreisen München: "Anstatt zu verreisen, sollen die Menschen neue Pfade durch ihr Zuhause erkunden." Wer behaupte, es gebe nichts, was er nicht über seine Stadt wisse, für den lohnt sich ein Blick ins Programm: Vom Metzgerleben in München über Bremens erotische Liebesstätten bis hin zur inszenierten Verbrecherjagd in den Straßen von Münster werden 974 verschiedene Themen angeboten.

Die Rundgänger in München suchen an diesem Nachmittag Zeugnisse des Protestantismus in der katholischen Landeshauptstadt. Stadtführerin Gebhardt zeigt ihnen, wo Luther 1511 noch "gut päpstlich gepredigt" hat und führt sie zur ehemaligen Augustiner-Klosterkirche, in der es 1558 zum sogenannten Sängerstreit kam: "Anhänger der Reformation stürmten den Gottesdienst und stimmten lutherische Choräle an, während die Katholiken mit lateinischen Marienliedern dagegenhielten", berichtet sie von dem Skandal. Die Rundgänger lauschen ihr gespannt.

Ein Ehepaar mit großen Rucksäcken hat noch nie vom Ablasshandel gehört und schüttelt fasziniert den Kopf darüber, dass man sich von Sünden freikaufen konnte. Die beiden wohnen in München, nehmen aber regelmäßig an Themen-Führungen teil. "Man lernt bekannte Orte in neuem Licht kennen", sagt der Mitvierziger Harald L.

Vorbei an grölenden Fußballfans und Straßenmusikern zieht die Gruppe weiter. Die barocke Michaelskirche mit dem Erzengel, der zwischen den Eingängen den Teufel ersticht, kennen die meisten Rundgänger. Als Gebhardt aber erklärt, dass dieser Teufel für damalige Zeitgenossen erkennbar die Gesichtszüge Luthers trägt und eine Anleitung für den Umgang mit "Ketzern" darstellte, schauen sie überrascht.

Die Teilnehmer solcher Themenführungen, die immer mehr Reiseanbieter in ihr Programm aufnehmen, sind zu 90 Prozent Einheimische, erklärt Eva Strauß. "Ich habe sogar eine Jahreskarte", erzählt ein Teilnehmer fortgeschrittenen Alters. Für ihn ist es ein Hobby geworden, sein München, in dem er seit vielen Jahrzehnten lebt, von allen Seiten neu zu beleuchten. Heute erfährt er am Beispiel eines kleinen Engels an der Mariensäule, dass Protestanten in München bis ins 19. Jahrhundert auf einer Stufe mit Pest, Krieg und Hunger abgebildet wurden.

"Wie viele Protestanten gibt es eigentlich in München?", fragt die Frau mit dem großen Rucksack. Wie die meisten Teilnehmer ist sie weder evangelisch, noch besonders kirchennah. "Gerade deshalb sind diese Führungen ja so spannend", beschreibt sie. Man bekomme Grundlagen und Spezialwissen zugleich vermittelt. Etwa, diese eine Grundlage, dass 14 Prozent der Münchner evangelisch sind, 38 Prozent katholisch. Oder aber, ein Spezialwissen, dass der erste evangelische Bürger Münchens auf dem alten Südfriedhof liegt. An seinem Grab endet nach zwei Stunden die ungewöhnliche Stadtführung.

Internet: www.stattreisen-muenchen.de (0842)

(Artikel vom 08.04.2011)