Christlicher, experimenteller, freier

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Christlicher, experimenteller, freier

Am neuen Evangelischen Gymnasium Würzburg soll ein besonderes pädagogisches Konzept umgesetzt werden -

Wenn das bislang städtische Würzburger Mozart-Schönborn-Gymnasium Mitte September als Evangelisches Gymnasium seine Pforten öffnet, soll sich mehr als nur der Name geändert haben. Die Ausrichtung soll nicht nur christlicher und sozialer werden - es geht durchaus um den großen Wurf. "Die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung wird sich ändern", sagt Pfarrer Christian Herpich, der das neue pädagogische Konzept mit geschrieben hat und künftig Mitglied der Schulleitung ist: "Dazu gehört auch, dass sich der Tagesablauf und die Lernformen ändern."

Kern des Konzepts ist laut Herpich eine personenzentrierte Pädagogik, die die Begabung des einzelnen Schülers in den Mittelpunkt rückt und seiner sozialen Situation gerecht werden soll. Was abstrakt klingt, hat einen pragmatischen Grund: "In der siebten Klasse zum Beispiel sind alle Schüler in der Pubertät - und auf einem anderen Entwicklungsstand. Da kann man nicht für alle denselben Unterricht machen, sonst verliert man die Mehrheit", sagt Herpich. Die Schüler müssten erkennen, dass ihnen der Unterricht etwas bringe - und dass sie nicht nur für Tests lernen.

Der zentrale Lehrervortrag soll auf etwa 40 Prozent der Unterrichtszeit gesenkt werden, für Vertiefungslernen sollen 50 Prozent zur Verfügung stehen, die übrigen zehn Prozent sollen Forschungsaufträge füllen. "Für diese Unterrichtsformen macht eine 45-Minuten-Taktung keinen Sinn", so Herpich. Man wolle weg vom starren Stundenkorsett. Auf die ersten fünf Schulstunden folgt dann eine Pause für Freizeit und Jugendarbeit, anschließend gibt es Projektarbeit oder Zeit für Hausaufgaben. Ab 14 Uhr sollen noch einmal maximal zwei Stunden Unterricht folgen.

Mit einem gewöhnlichen G8-Stundenplan von 32 Wochenstunden ab der fünften Klasse wird das nicht zu machen sein. "Wir versuchen die Eltern deshalb davon zu überzeugen, dass es sinnvoll wäre, wenn die Kinder länger in der Schule bleiben und stattdessen ohne Hausaufgaben nach Hause kommen", erläutert Herpich. Nachmittagsunterricht gebe es auch jetzt im achtjährigen Gymnasium bereits ab der fünften Klasse, betont der Pfarrer. Das neue Schulkonzept sieht nachmittags keine klassische Beschulung vor, "sondern Angebote im Bereich der Jugendarbeit".

Für 75 Euro Schulgeld monatlich soll unter anderem die Jugendarbeit integraler Bestandteil der Schule werden. "Es geht ums Ausprobieren, Erleben, Spaß haben und Reflektieren", sagt Herpich. Und darum, dabei die sozialen Kompetenzen, die "soft-skills" der Schüler zu fördern und zu formen. "Leistung drückt sich ja nicht nur im Notenerfolg aus", findet Herpich. Deswegen wird es am Evangelischen Gymnasium ein zweites Zeugnis geben, das die soft-skills bewertet. Die Jugendarbeit soll von Jugendgruppen bis hin zu spirituellen Angeboten reichen.

Eberhard Lammerer, dem zweiten Vorsitzenden des Diakonischen Werkes Würzburg, ist bei allen geplanten Neuerungen wichtig: Sie sollen niemandem aufgezwungen werden. So sollen alle bisherigen Schüler des Mozart-Schönborn-Gymnasiums auch künftig auf gewohntem Weg "und ohne Schulgeld zu zahlen" zum Abitur kommen. Sollten sich zudem nicht ausreichend Fünftklässler für das neue pädagogische Konzept finden, plane man auch "konventionelle Klassen", erläutert Lammerer, der den Übergang des städtischen Gymnasiums für die Diakonie begleitet. "Aber auch die regulär unterrichteten Schüler werden von dem neuen Konzept profitieren", ist Lammerer sicher. Zum einen, weil in der Schule "ein neuer Geist" wehen werde. Das mag mit am geplanten inklusiven Charakter des Gymnasiums liegen; auch "sozial schwierige Schüler" und Schüler mit Behinderungen sollen das Gymnasium besuchen können. Die neue Schule sei eine "Ergänzung und Erweiterung" der Schullandschaft Würzburg, so Lammerer: "Das Mozart-Schönborn-Gymnasium ersatzlos zu schließen, hätte dem Schulstandort Würzburg nicht gutgetan."

Das sah offenbar auch der Würzburger Stadtrat so. Ohne Übergang in kirchliche Trägerschaft wäre das Mozart-Schönborn-Gymnasium nämlich spätestens im Jahr 2018 Geschichte gewesen. Laut einem Beschluss des Gremiums sollten ab kommendem Schuljahr keine neuen Eingangsklassen mehr gebildet werden und die Schule allmählich auslaufen. Dass es bei der Abstimmung über die Umwandlung der städtischen Schule in eine evangelische nur eine Gegenstimme gab, hatte Lammerer ein bisschen erstaunt: "Ich hatte mit einer kontroverseren Diskussion gerechnet." (0977/b111450)

(Artikel vom 29.04.2011)