Jugendhilfe unter Finanzdruck
Jugendhilfe unter Finanzdruck
Beckstein fordert Erfolgsnachweise
Die Jugendhilfe muss sich nach Ansicht des bayerischen Innenministers Günther Beckstein einer verstärkten Qualitätskontrolle stellen. In den letzten zehn Jahren seien die bayerischen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe um mehr als 60 Prozent gewachsen, sagte er am Donnerstagabend in Rummelsberg bei Nürnberg zum 100-jährigen Bestehen der Rummelsberger Jugendhilfe. Bei einer solchen Steigerungsrate müsse danach gefragt werden, welche Maßnahmen etwas bringen und welche nicht.
Wenn der Steuerzahler für die Unterbringung eines Flüchtlings-Jugendlichen mehr Geld aufbringen müsse, als für das Gehalt des Ministerpräsidenten, sei das nicht in Ordnung. "Es ist zwar billiger, um einen 17-Jährigen zu kämpfen, als um einen 25-Jährigen Berufsverbrecher", sagte Beckstein. Dennoch müsse in Zeiten knapper Kassen auch die Jugendhilfe auf den Prüfstand.
Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München, unterstützte Becksteins Forderung nach wissenschaftlicher Erfolgskontrolle, nahm die Jugendhilfe jedoch gegen Polemik in Schutz. "Es gibt viel zu wenig Wirkungsprüfung in der Kinder- und Jugendhilfe", bedauerte er. Deshalb sei es kaum möglich, unterschiedliche Hilfsangebote fundiert gegeneinander abzuwägen.
Nach seinen Zahlen sind die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe in den letzten zehn Jahren bundesweit von 14 Milliarden auf 20 Milliarden geklettert. Der Löwenanteil entfalle jedoch auf den Ausbau der Kindertagesstätten, komme also allen Kindern zu Gute und nicht nur Benachteiligten. Es sei falsch, der Jugendhilfe Verschwendung zu unterstellen. Am Ziel, Kindern und Jugendlichen die bestmögliche Hilfe zu geben, dürfe nicht gerüttelt werden. Rauschenbach: "Wir müssen den Preis dafür zahlen, dass die Familien nicht mehr so stabil sind und die Geländer der Lebensführung wegfallen."
Rauschenbach forderte eine Finanzreform in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Kommunen, die bisher 60 Prozent der Lasten tragen müssten, seien dazu nicht mehr im Stande. Bei Beckstein fand er dafür keine Gegenliebe. In Sozialbereichen, die vom Bund oder den Ländern finanziert würden, seien doch die Probleme nicht geringer, hielt ihm der Innenminister entgegen.
In Einrichtungen der Rummelsberger Anstalten werden bayernweit knapp 1.700 gefährdete Kinder und Jugendliche betreut. Unter dem Druck leerer Kassen bei Staat und Kommunen beklagen die Verantwortlichen eine "einseitig fiskalisch orientierte Diskussion um die Zukunft der Jugendhilfe". Sie halten den monetären Überlegungen das biblische Wort "Keiner darf verloren gehen" entgegen.


