Der Glaube kennt die Abgründe
Der Glaube kennt die Abgründe
Vor 75 Jahren starb der Autor Gilbert Keith Chesterton - Er schickte Father Brown auf Verbrecherjagd -
Literarisch sind sie in der Regel nicht viel wert, die Stories über den kleinen, rundgesichtigen, stets ein wenig vertrottelt wirkenden Father Brown, der den raffiniertesten Kriminellen das Handwerk zu legen vermag. Der Autor Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) hat sie oft rasch heruntergeschrieben, um sich aus finanziellen Engpässen zu retten. Aber viele Leser lieben Father Brown noch heute, 75 Jahre nach dem Tod Chestertons am 14. Juni 1936.
Knapp 50 Kurzgeschichten erschienen ab 1910 rund um den Geistlichen Brown, in Deutschland wurden sie vor allem durch die Verfilmungen mit Heinz Rühmann aus den 60er Jahren bekannt. 1954 verkörperte der später zum Katholizismus konvertierte Alec Guinness den Geistlichen in dem Film "Die seltsamen Wege des Pater Brown".
Das Geheimnis des Father Brown ist sein Einfühlungsvermögen in die menschliche Seele. Warum er all diese komplizierten Verbrechen habe aufklären können, will ein Amerikaner aus Boston von ihm wissen. "Weil ich sie alle begangen habe!" erklärt er seinem verblüfften Gesprächspartner. "Ich versuche nicht, von einem Menschen Abstand zu gewinnen. Ich bemühe mich, in den Mörder hineinzuschlüpfen (?), bis ich wirklich ein Mörder bin."
Letztlich interessiert Father Brown das Seelenheil des Täters mehr als die irdische Gerechtigkeit. Deshalb kann er das Böse unbefangen als eine Konstante im menschlichen Schicksal betrachten und als eine Möglichkeit, die in jedem Menschen steckt. Verbrecher sind für Chestertons Father Brown keine Un-Menschen, und die aufgrund glücklicher Fügung anständig Gebliebenen sollen sich bloß nicht zu viel einbilden.
Auf der anderen Seite war Gilbert Keith Chesterton der grimmige Vertreter eines unversöhnlichen, wenig toleranten, vorkonziliaren Katholizismus - ein Fundamentalist, würde man heute sagen. Sein Übertritt vom liberal-bürgerlichen Protestantismus zur traditions- und romtreuen katholischen Minderheitskirche sorgte 1922 in England für eine Sensation. Es war Chestertons felsenfeste Überzeugung, dass der altmodische Glaube erheblich mehr über die Untiefen und versteckten Winkel der menschlichen Seele weiß als der Rationalismus seiner Zeit.
1874 im Londoner Stadtteil Kensington in eine reiche, vornehme Familie geboren - sein Vater war Immobilienmakler - kritzelte Gilbert Keith seine Schulbücher mit Karikaturen voll, murmelte auf dem Heimweg, Grimassen schneidend, selbst erdachte Geschichten vor sich hin und bekam von seinen Lehrern Beurteilungen wie: "Ein großer Tollpatsch mit viel Intelligenz." In seiner Autobiografie gibt er diesem Lebensabschnitt den Titel "Wie man ein Dummkopf wird".
Chesterton studierte Literatur und besuchte eine Kunstakademie, dann wandte er sich dem Journalismus zu. In liberalen Zeitungen kämpfte er scharfzüngig gegen die "schlecht geführte Kultur der Moderne" und attackierte die ungerechte Sozialordnung. In Romanen, Kurzgeschichten, Essays entfaltete er schwarzen Humor, grimmigen Witz und geistreiche Pointen. Seine Lieder, Balladen und Nonsensverse aber wurden kein großer Erfolg, ebenso wenig die von ihm gegründete Wochenzeitschrift "G. K.?s Weekly".
Zum Katholizismus führten Chesterton "seine Sympathie für das Beständige und Gewachsene, für die Einfalt und Ursprünglichkeit der kleinen Dinge", wie es der Münchner Philosoph Karl Dieter Ulke formulierte. Bei seinen Parforceritten zur Verteidigung der Tradition verzichtete Chesterton freilich gern auf Differenzierungen und Nuancen.
Das Mittelalter vergoldete er zu einem nicht mehr hinterfragbaren Paradies. Den Ersten Weltkrieg bejahte er zeitlebens als patriotische Großtat - was ihn nicht daran hinderte, gegen die kolonialistischen Gelüste der meisten Briten für ein unabhängiges Irland und Indien einzutreten und im Burenkrieg die Sache der Buren zu vertreten.
Chesterton war eine Kämpfernatur, streitlustig und aufbrausend. Aber der beleibte, fröhliche, trinkfreudige Mensch mit dem wilden Strubbelkopf bewies gleichzeitig so viel Menschlichkeit und ein so gutes Herz, dass er auch unter seinen erbitterten weltanschaulichen Gegnern eine Menge Freunde hatte.
"Der Mensch ist zwar zum Irrtum geboren", sinnierte er einmal nicht ohne Selbstkritik, "aber er nennt jeden Fehler, den er macht, einen Schritt weiter in der Entwicklung". Als Chesterton 1936 in Beaconsfield in der Grafschaft Buckinghamshire starb, nannte ihn der nachdenkliche Marxist Ernst Bloch "einen der gescheitesten Männer, die je gelebt haben". Franz Kafka hatte ihn immer bewundert: "Er ist so lustig, dass man fast glauben könnte, er habe Gott gefunden." (1314)


