Besucher am Frühstückstisch des Pfarrers

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Besucher am Frühstückstisch des Pfarrers

Der Sebalder Pfarrhof in Nürnberg besteht seit 650 Jahren - (mit Bild) Von Thomas Greif (epd)

Im Sommer hat Gerhard Schorr einen der schönsten Frühstücksplätze Bayerns: Von seiner Eckbank im "Sebalder Chörlein" überblickt der Pfarrer der Nürnberger Sebalduskirche den ganzen Platz samt der gewaltigen Kirche. Zu verdanken hat er das tausendfach fotografierte Chörlein wie den gesamten Pfarrhof, der heuer 650 Jahre alt ist, ausgerechnet einem frühkindlichen Missgeschick.

König Wenzel, der Sohn des großen Karl IV., dem man den wenig schmeichelhaften Beinamen "der Faule" verliehen hatte, war ausgerechnet bei seiner Taufe in Nürnberg anno 1361 nicht faul, wie der Chronist Heinrich Deichsler berichtet: Er "bescheiß sich in der Tauf", heißt es. Nach dem Aufwärmen frischen Taufwassers vergaß man im damaligen Sebalder Pfarrhof vor lauter festlicher Hektik das Feuer zu löschen. Das Haus brannte ab und musste neu gebaut werden.

Ob die Geschichte stimmt? Sicher ist jedenfalls, dass die ältesten Teile des Pfarrhofes zwischen 1361 und 1379 erbaut wurden. Auch das Chörlein, das zu den heimlichen Wahrzeichen der Altstadt gehört, stammt aus dieser Zeit. Wie es sich auf derart geschichtsgetränktem Boden lebt: "Zuerstmal sind hier ganz normale Wohnungen nach neuestem Stand drin", sagt Pfarrer Schorr. Dass fast jede Altstadtführung den Innenhof betritt, habe nichts mit Glanz und Schönheit des Mittelalters zu tun: "Er ist schlicht und schmucklos, aber der einzige erhaltene Wirtschaftshof dieser Art in Nürnberg."

Sollte der Kirchengemeinde, der das Haus gehört, morgen das Geld für den Unterhalt ausgehen, stünden die Investoren für ein neues Altstadt-Romantik-Hotel freilich schon bereit, weiß Schorr: "Da müsste ich nur die Finger aus dem Fenster halten." Wie es tatsächlich mit dem Haus weitergehen könnte, darüber haben sich Studierende der TU München Gedanken gemacht. "Zukunftsvisionen Sebalder Pfarrhof" heißt die Ausstellung, die ab Juli in der Sebalduskirche gezeigt wird. Das berühmte Anwesen müsse jedenfalls unbedingt in kirchlicher Nutzung bleiben, findet Schorr.

Das Jubiläumsjahr ermöglicht ungeahnte Einblicke. So öffnen sich für Besucher der Sonderführungen auch diejenigen Räume, die üblicherweise unzugänglich sind: Das Lapidarium mit seiner Ansammlung übrig gebliebener, zum Teil verwitterter Steine aus St. Sebald; das "Gräslein", der Hausgarten, den man dort gar nicht vermutet; das besagte Chörleinzimmer als Teil des Schorr?schen Wohnzimmers und schließlich der Repräsentationssaal im Obergeschoß, der augenblicklich lediglich stolze Kulisse für einen Flügel ist.

Das ganze Aufklärungsprogramm mündet freilich möglicherweise in eine gewisse Enttäuschung: Beim genauen Hinsehen oder Hinhören erfahren die mittelaltertrunkenen Bewunderer des "Chörleins" nämlich, dass am Pfarrhof seit gut 100 Jahren nur seine Replik aus Kalkstein hängt. Das Sandstein-Original ist längst vor den Abgasen des Stadtverkehrs im Germanischen Nationalmuseum in Sicherheit gebracht.

Der Veranstaltungsreigen zum Thema "650 Jahre Sebalder Pfarrhof" gipfelt in einer Freiluftaufführung von Carl Orffs "Carmina Burana". Eine kleine Tafelausstellung im Innenhof gibt seit kurzem Einblicke in die Historie des stolzen Hauses, das im Laufe der Zeit Prominente aus Adel, Kunst und Wissenschaft in seinen Mauern sah, darunter Albrecht Dürer, Philipp Melanchthon oder Johann Pachelbel. (1424/b112030)

(Artikel vom 24.06.2011)