Dem unausweichlichen Zwang des Gewissens gefolgt

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Dem unausweichlichen Zwang des Gewissens gefolgt

Als Mann des Widerstandes ist Freiherr Pechmann Namensgeber eines landeskirchlichen Preises

Von Achim Schmid (epd)

Ein kleiner Weg am Rande des Englischen Gartens erinnert in München an den Freiherrn Wilhelm von Pechmann (1859?1948). Noch im fortgeschrittenen Alter von über 70 Jahren ist der Bankier Pechmann, der in der evangelischen Kirche hohe Ehrenämter bekleidete, unbeugsam und mit großem persönlichem Mut gegen die Judenverfolgung der Nazis eingetreten. Der Pechmann-Weg hat deshalb auch eine symbolische Bedeutung: Als eine der ersten Unterdrückungsmaßnahmen verboten die braunen Machthaber den Juden, den Englischen Garten zu betreten.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde Pechmann, der aus Memmingen stammte, Jura und Philologie studierte und in München ein angesehener Bankier war, zum ersten Präsidenten der Landessynode, dem Kirchenparlament der bayerischen Protestanten, gewählt. Von 1921 bis 1930 war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses, dem Vorläufer des heutigen Kirchentags.

Ursprünglich war Wilhelm von Pechmann wie viele führende Vertreter der Kirche ein deutschnationaler Monarchist und stand der Weimarer Republik wohl eher skeptisch gegenüber. Doch nach der Machtergreifung Hitlers erhob der Baron seine Stimme gegen Judenverfolgung und Unterdrückung. Es sei "Gottes Heiliger Wille", diesem Unrecht auf "Leben und Sterben" zu widerstehen, war seine Überzeugung.

Vor allem die Kirchenleitung versuchte Pechmann zu einem deutlichen Widerstand gegen die mörderische NS-Rassenpolitik zu bewegen. Bereits seit 1933 gehörte er der Bekennenden Kirche an. Immer wieder schrieb er beschwörende Briefe an den damaligen bayerischen Landesbischof Hans Meiser.

Als die deutschen evangelischen Bischöfe 1934 ihre "unabdingte Treue" zu Reich und Führer erklärten, trat Pechmann aus der Deutschen Evangelischen Kirche aus, die für ihn aufhörte "Kirche zu sein". Er wolle sich nicht offenkundigem Unrecht widerstandslos unterwerfen, betonte Pechmann, der immer mehr unter der "unfassbaren Engherzigkeit, Kurzsichtigkeit und Verblendung" seiner "engeren Glaubensgenossen" litt.

Kurz vor seinem Tode 1948 trat Pechmann "nicht leichten Herzens, aber dem unausweichlichen Zwang des Gewissens folgend" in die katholische Kirche ein. In den nachfolgenden Jahrzehnten war er für die evangelische Landeskirche eine nicht erwähnte Unperson. Vielleicht habe man in der bayerischen Landeskirche nicht wahrhaben wollen, dass man als "grundkonservativer Lutheraner energisch Widerstand leisten konnte", vermutet der Kirchenhistoriker Professor Wolfgang Sommer.

Erst der Synodalpräsident Dieter Haack holte in den 90er Jahren seinen Vorgänger Pechmann aus dem Dunkel der Kirchengeschichte. "Wir fühlen uns dem Vermächtnis dieses Mannes, der mit Zivilcourage aus christlicher Glaubensüberzeugung gegen die Ideologie der Nationalsozialisten kämpfte, verpflichtet", sagte Haack zum 50. Todestag Pechmanns an dessen Grab auf dem Münchner Nordfriedhof. Als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München sagte Charlotte Knobloch, dass jüdischen Menschen millionenfaches Leid erspart geblieben wäre, wenn es mehr Personen von der Integrität Pechmanns gegeben hätte.

Inzwischen hat die Landeskirche ihre Haltung zu Pechmann längst gründlich revidiert. Ein mit 10.000 Euro dotierter Preis, der an diesem Mittwoch (20. Juli) vergeben wird, trägt Pechmanns Namen. Mit der Auszeichnung sollen herausragende Leistungen in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gewürdigt werden. Zu den Preisträgern gehört auch der Kirchenhistoriker Sommer, der mit seinen Forschungsergebnissen wesentlich die historische Bedeutung Pechmanns untermauerte. (1615/b112250)

(Artikel vom 19.07.2011)