Heß-Grab in Wunsiedel aufgelöst
Heß-Grab in Wunsiedel aufgelöst
Bürgermeister Beck: Schlag gegen rechtsextreme Pilgerströme - (Zusammenfassung2, neu: Bürgermeister Beck, Knobloch)
Die Auflösung des Grabes des ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894-1987) in Wunsiedel stößt in Kirche und Politik auf große Zustimmung. "Ich bewerte das positiv", sagte der Bürgermeister der oberfränkischen Stadt, Karl Willi Beck (CSU), dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Freitagsausgabe). Wenn es in Wunsiedel keine sterblichen Überreste von Heß mehr gebe, dann gebe es für Rechtsextremisten auch keinen Grund mehr, dorthin zu pilgern. Der Geist "Wunsiedel ist bunt" existiere fort, sagte er. "Hinschauen statt wegschauen, das wird für uns immer gelten." Insofern hätten die Auseinandersetzungen um Heß auch ihr Gutes gehabt.
Wie der Wunsiedler evangelische Dekan Hans-Jürgen Buchta am Donnerstag dem epd sagte, wurden die sterblichen Überreste von Heß am Mittwoch verbrannt, "irgendwann soll es dann eine Seebestattung geben". Auslöser sei gewesen, dass am 5. Oktober die Grabnutzung ausgelaufen wäre. In einem "absolut einvernehmlichen" Vier-Augen-Gespräch mit der Enkelin von Rudolf Heß am vergangenen Dienstag habe Buchta dem Antrag der Enkelin auf eine Umbettung der sterblichen Überreste unter Ausschluss der Öffentlichkeit zugestimmt.
Ursprünglich wollte die Heß-Enkelin die Grabnutzung zwar verlängern, die Kirchengemeinde habe dies aber abgelehnt, so Dekan Buchta weiter. Zu groß sei die "Einschränkung der Stadt" durch die Neonazi-Aufmärsche für den sogenannten "Führer-Stellvertreter" gewesen. Daraufhin habe die Heß-Nachfahrin Klage beim Verwaltungsgericht Bayreuth zur Fristwahrung der Grabnutzung eingereicht. Nach dem einvernehmlichen Gespräch mit Buchta werde die Heß-Nachfahrin die Klage aber wohl zurückziehen, sagte der Dekan. "Es gab - wie fälschlicherweise oft behauptet - nie einen Streit."
"Mit der Umbettung sind mir Steine vom Herzen gefallen", gab Buchta zu. Der Grabstein sei verschwunden, nichts auf dem Friedhof erinnere mehr an Rudolf Heß. "Ich sehe damit wieder mehr Luft und Freiheit für Wunsiedel", so Buchta weiter. Dennoch gibt sich der Dekan zurückhaltend. Er könne noch nicht abschätzen, ob nicht doch noch Pilgerscharen von Neonazis nach Wunsiedel kämen. Mit der Grabauflösung sei jedenfalls die letzte Grabstätte von Nazi-Größen auf deutschem Boden verschwunden, fügte Buchta an. Auch die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ist erleichtert. Die Neonazis hätten nun eine zentrale Pilgerstätte verloren. "Ich freue mich, dass der braune Spuk in Wunsiedel endlich ein Ende hat." Zugleich lobt sie die Zivilcourage der Wunsiedler, die ein "klares Zeichen mit großer Stahlkraft gesetzt" haben: "Neonazis und ihre menschenverachtende Ideologie hat in unserer Gesellschaft keinen Platz."
Wunsiedel war wegen des Heß-Grabes auf dem evangelischen Friedhof zu einem Art Wallfahrtsort für europäische Neonazis geworden. Mehrere tausend Rechtsextreme pilgerten jahrelang am 17. August, dem Todestag des "Führer-Stellvertreters", in die oberfränkische Fichtelgebirgsstadt. 2005 wurden die Gedenkmärsche der Neonazis in Wunsiedel verboten. Im November 2009 bestätigte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der "Heß-Märsche" endgültig.
Heß, der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte sich im Berliner Gefängnis Spandau im Jahr 1987 umgebracht. In seinem Testament hatte er den Wunsch geäußert, in Wunsiedel begraben zu werden, wo auch seine Eltern bestattet lagen. Der Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde stimmte dem Wunsch im Jahr 1987 zunächst zu, strebte aber die Auflösung des Grabes an.


