Angst vor dem Telefon

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Angst vor dem Telefon

Stotterer im Alter besonders von Isolation bedroht

Auf die zunehmende Zahl älterer Menschen mit der Sprechbehinderung Stottern weist die Bundesvereinigung Stotterer - Selbsthilfe e.V. (Köln) hin. Nach ihren Angaben vom Dienstag gelten etwa ein Prozent der knapp 20 Millionen Rentner in Deutschland als Stotterer. Sie seien durch Kontaktängste im Alter zunehmend von Isolation bedroht und erhielten kaum therapeutische Förderung, hieß es.

Den vielfältigen Alltagsproblemen dieser sozialen Minderheit will sich eine bundesweit angelegte "Initiative Morgentau" widmen, die am 14. April in der Evangelischen Volkshochschule Hesselberg (Mittelfranken) gegründet wird. Voraus geht ein zweitägiges Seminar Betroffener mit dem Berliner Psychologen und Stottertherapeuten Prof. Wolfgang Wendlandt.

Stottern gilt bei Erwachsenen als nicht heilbar. Nach Angaben der Selbsthilfeorganisation ermöglichten neue Therapiemethoden inzwischen aber "gute Kommunikation". Älteren Stotterern hätten diese Methoden in ihrer Jugend nicht zur Verfügung gestanden. Heute würden sie von den Krankenkassen meist nicht mehr bezahlt. Zudem würden Therapeuten ältere Stotterer nicht selten als vermeintlich hoffnungslose Fälle ablehnen.

Da ältere Stotterer ihre Bedürfnisse oft nur ungenügend äußern könnten, bestehe für sie in Alters- und Pflegeheimen die Gefahr, unzureichend versorgt zu werden, warnt die Bundesvereinigung. Es sei auch möglich, dass die Betroffenen im Notfall nicht rechtzeitig telefonisch Hilfe anfordern könnten.

Am eigenen Leib erlebt hat dies die 53-jährige Hildegard Vorholzer (Rothenburg o. d. T.) Mitbegründerin von "Morgentau". Jahrzehntelang habe sie es kaum gewagt, mit anderen Menschen über ihre Behinderung zu reden und ans Telefon zu gehen, berichtete sie dem epd. "Ich hatte Angst, dass das Zuhören für jemand, der nichts über das Stottern weiß, zu anstrengend und zu aufwendig ist".

Nach den Erfahrungen Vorholzers verlieren viele älter werdende Stotterer ihre Sprechängste nicht sondern entwickeln allgemeine Kontaktängste. "Morgentau" nenne sich die geplante Initiative deshalb, weil sie diese Ängste abbauen und einen Kontrapunkt zu "Abenddämmerung" setzen wolle. "Wir wollen älteren Stotterern Mut machen, die Lebensfreude immer wieder wach zu küssen," sagte die verheiratete Mutter von vier Kindern.

Neben Begegnungen, Seminaren, und Veröffentlichungen plant "Morgentau" spezielle Arbeitshilfen für Pflegende heraus zugeben. An Therapeuten will man appellieren, sich verstärkt den älteren Stotterern zuzuwenden und bei den Leistungsträgern erreichen, dass diese Therapien auch bezahlt werden.

(Stotterer-Selbsthilfe Rothenburg o.d.T, Tel.: 09861-936265, Internet: www.stotterer-rothenburg.de)

(Artikel vom 05.04.2005)