Ein Wiesnhotel für ein Huhn

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein Wiesnhotel für ein Huhn

Ein Münchner Künstler demonstriert gegen den Massenverzehr von Brathühnern auf dem Oktoberfest

Am Sonntag soll Calimera einziehen. Auf dem Münchner Oktoberfest drehen sich dann schon die ersten 1.000 Brathendl am Spieß. Doch während ihre Artgenossinnen im eigenen Saft schmoren, um anschließend mit Petersilie und einem nach künstlichem Zitronenduft riechenden Frischetüchlein serviert zu werden, wird Calimera eine ungewohnte Sonderbehandlung zuteil. Der Münchner Künstler Tommy Schmidt hat dem Huhn ein Hotelzimmer gebucht ? just dann, wenn die Zimmerpreise in München um bis zu 80 Prozent steigen und Übernachtungsmöglichkeiten schwer zu bekommen sind.

Die Idee für diese ungewöhnliche Kunstaktion kam Schmidt im vergangenen Jahr beim Betriebsausflug. "Ich war mit 400 Kollegen auf dem Oktoberfest", erklärt der 51-Jährige. "Nachdem wir alle einen Hendlgutschein bekommen haben, haben wir zusammen bestimmt 200 Wiesnhendl gegessen." Insgesamt wurden auf dem letzten Oktoberfest 505.901 Hendl verspeist. "Eine unvorstellbare Masse", findet Schmidt.

Zur gleichen Zeit suchte der Künstler ein Hotelzimmer für einen Freund, der ebenfalls auf die Wiesn wollte- und fand keines. Es war dieser Gegensatz von Überfluss und Mangel, den Schmidt als absurd empfand. "Ich wollte einmal ein Huhn als Gast einladen, mich dieser Kreatur respektabel erweisen und sie dadurch aufwerten", sagt er.

Statt verspeist zu werden, sollte das Huhn etwas bekommen, was den Menschen besonders teuer ist. "Ich will, dass die Menschen beim Hotel anrufen, um sich nach einem Zimmer zu erkundigen und dass man ihnen dann dort sagt: Tut uns leid, wir sind ausgebucht, und in einem unserer Zimmer wohnt ein Huhn." Seit einem Jahr planen Schmidt und seine Mitstreiterin Birgit Merk die Aktion. Am Sonntag soll sie zur Vollendung kommen.

Den Entstehungsprozess, den Schmidt mit Hilfe von Youtube-Videos und Blogeinträgen begleitet, betrachtet er als Teil des Kunstwerks. Ein befreundeter Künstler schenkte Schmidt und Merk drei Haushühner, ein bekannter Bauer im Münchner Umland nahm Camilla, Suzanne und Calimera vorübergehend bei sich auf. Über eine Fan-Seite beim Facebook ließ das Künstlerteam die mittlerweile über 300 Follower der Aktion darüber abstimmen, welches Huhn ins Hotel ziehen sollte. "Calimera, eine zierliche schwarze Schönheit", wie Schmidt sagt, hatte schließlich die meisten Fans.

Die schwierigste Aufgabe war jedoch lange nicht gelöst: Ein Hotel zu finden, das die verrückte Idee mitmacht. Schmidt schrieb 20 Unterkünfte an, doch nur wenige ließen sich auf Verhandlungen ein. Roxanna Frohmajer, Inhaberin der Pension Haydn, schrieb dem Künstler schließlich: "Alles klar, Huhn soll kommen." Selbst als Schmidt vor dem Dreck warnte, den der schwarzgefiederte Vogel im Zimmer hinterlassen würde, blieb die Hotelbesitzerin standhaft. "Wir machen das sauber", schrieb sie. "Menschen machen auch Dreck."

160 Euro kostet Schmidt und Merk die Aktion pro Nacht. Das ist der reguläre Wiesnpreis im Hotel Haydn, wo ein Doppelzimmer mit Bad zu anderen Zeiten im Jahr nur 65 Euro kostet. Finanzieren wollen die beiden die Aktion durch die Vermietung von privaten Zimmern an Wiesngäste, die keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden haben. Für Calimera ist derweil im Hotel Haydn alles zurechtgemacht. Birgit Merk hat in den vergangenen Tagen Stroh, Hühnerfutter, Sitzstangen, ein Legenest und eine Trinkglocke besorgt.

"Uns ist wichtig, dass Calimera artgerecht gehalten wird, scharren kann und Ansprache hat", sagt Merk, die über der Aktion zur Hühnerexpertin geworden ist. "Die Decke des Hotelzimmers wird grün wie die Wiese", erklärt sie. "Das Bett decken wir mit einer himmelblauen Folie ab. Wenn Calimera da ordentlich drauf fäkiert, wird's ein weiß-blauer bayerischer Himmel."

Wer wissen will, was Calimera in ihrer Wiesn-Suite so treibt, kann das Huhn dank einer Webcam im Hotel beobachten. Sogar einen Ausflug aufs Oktoberfest hat Tommy Schmidt mit Calimera geplant. "Es wird bei einem sehr verträglichen Wiesnspaziergang zu früher Stunde bei minimalem Publikumsverkehr bleiben", beteuert er im Netz.

Facebook-Seite im Internet: www.facebook.com/wiesn.hotel.fuer.ein.huhn (1996)

(Artikel vom 16.09.2011)