Erfinderisch und waghalsig
Erfinderisch und waghalsig
Das evangelische Studienzentrum Josefstal blickt auf 50 Jahre Jugendarbeit zurück - (Aktualisierte Sendewiederholung)
Als das Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit 1961 in Schliersee-Josefstal gegründet wurde, lautete die Devise der Gründungsväter, "erfinderisch und waghalsig" zu sein. Das alte Korsett der Jugendarbeit der evangelischen Landeskirche sollte gesprengt werden, um eine neue freie Kultur der Jugend ins Leben zu rufen. Eine "Gedankenexplosion" sei dies gewesen, sagte die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler am Samstag in ihrer Predigt beim Festgottesdienst zum 50-jährigen Bestehen des Zentrums.
Der Impetus der Jugendarbeit, "erfinderisch und waghalsig zu sein" sei geblieben. Dazu gehöre ein gesteigertes Bewusstsein für die Probleme der Jugend. Aber auch zunehmend das Interesse, zäh, geduldig, streng an Konzepten und an der persönlichen Fortbildung zu arbeiten. In Josefstal habe man früh begriffen: "In der Jugendarbeit grübelt der geniale Kopf nicht für sich, einsam vorm Computer, sondern die Fortentwicklung des Gedankens bindet die Persönlichkeiten, die sich im Interesse für die Jugend treffen, aneinander", resümierte Breit-Keßler.
"Ab vom Schuss" - das wollte man damals sein, wie der Leiter des Studienzentrums, Rainer Brandt, erklärt. Die Gegend war bekannt. In den 1950er-Jahren trafen sich die Bezirksjugendpfarrer zu ihren Konferenzen immer auf dem nahe gelegenen Sudelfeld. Das Gelände des Zentrums wirkt heute noch wie ein Abenteuerspielplatz: dunkle Fichten, raschelnde Laubbäume, Wiesen, ein kleiner Bach, dazwischen die Tagungs- und Übernachtungshäuser und eine Kapelle.
Immer wieder musste die Haus ums Überleben kämpfen: "Die Geschichte des Hauses war immer die Herausforderung, den Verein zu erhalten", sagt Brandt, der früher Landesjugendpfarrer war und seit 2002 das Studienzentrum leitet: ein schmaler Mann, etwas älter als der Verein, mit einer winzigen Brille, über deren Ränder er beim Sprechen schaut.
Das Studienzentrum habe sich in den 50 Jahren ständig weiterentwickelt - weg vom reinen "Forschungslabor" hin zu der Erkenntnis, "dass Forschung in Praxis umgesetzt werden muss", sagt Brandt. Heute veranstalten mehr als 80 Dozenten teils mehrjährige Fort- und Weiterbildungen vor allem für Hauptamtliche in der Jugend-, Gemeinde- und Sozialarbeit zu theologischen und interkulturellen, gesellschaftlichen und medienpädagogischen Themen.
Das Studienzentrum ist deutschlandweit vernetzt. Zahlreiche Weiterbildungen finden in Kooperationen mit anderen Bildungseinrichtungen statt, eine davon in Kiel. "Weg von der Konkurrenz, hin zur Kooperation" nennt Brandt sein Konzept.
Vieles ist aber auch gleich geblieben. "Von Anfang an hieß es: Alle sind willkommen, es ist ein offener Ort", sagt Brandt. Gruppen können sich in Josefstal einmieten und selbstständig arbeiten. Die Münchner Einrichtung für obdachlose Frauen kommt mit ihren Klientinnen. Und seit 40 Jahren trifft sich hier der "Europäisch-Ökumenische Studienkurs" mit Teilnehmern von Lettland bis Serbien.
Die Zukunft für Josefstal ist immer auch eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. Vor ein paar Jahren stand der Verein kurz vor dem Ruin, als nach einem Umbau staatliche Zuschüsse gestrichen wurden. Jetzt ist das Zentrum für die nächsten Jahre finanziell gesichert. Zwar hat sich im vergangenen Jahr die Wirtschaftskrise bemerkbar gemacht, aber es geht wieder bergauf. Und Brandt kann zufrieden sein: Die Teilnehmer bewerten die Kurse durchweg positiv, und das Haus hat eine Auslastung von über 75 Prozent.
In Zukunft möchte Brandt die Orientierungstage für Schulklassen ausbauen und das Gelände erlebnispädagogisch "aufpeppen", etwa mit einer Seilbrücke und einem Parcours für alle Sinne. "Es wird nicht an Herausforderungen fehlen", sagt der Leiter.
Für Regionalbischöfin Breit-Keßler steht fest: "Wir müssen Jugendlichen Räume schaffen, in denen sie sich selbst und andere erleben, sich mit dieser Welt kritisch auseinandersetzen können". In diesem Sinne sei Josefstal ein Ort, der die Jugendarbeit stärke und einen Raum schaffe, in dem Jugendliche Vertrautheit, Gemeinschaft und Solidarität erfahren könnten. (2062/b112800 und 306670)
Hinweis: Dieser Beitag wurde in erster Fassung bereits am 15. September verbreitet.


