Gefährliche Diskussion um Patientenverfügungen
Gefährliche Diskussion um Patientenverfügungen
Altenhilfeexperte fürchtet wachsende Euthanasie-Bereitschaft
Die deutsche Debatte um Patientenverfügungen hat nach Ansicht des Berliner Altenhilfeexperten Professor Thomas Klie gefährliche ethische Folgen. "Patientenverfügungen sind eine vorgezogene Euthanasie-Einwilligung", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie am Dienstag zum Auftakt der dreitägigen Messe "Altenpflege+ProPflege 2005" in Nürnberg. Wer den Umgang mit schwerstkranken Menschen darauf zuspitze, leiste der Tendenz Vorschub, das Leben ab einem bestimmten Punkt als lebensunwert zu erklären.
Das Leben schwer Pflegebedürftiger und Demenzkranker müsse so gestaltet werden, dass sie "nicht gleich an eine Patientenverfügung, an Euthanasiefantasien oder an zynische Bilder vom sozialverträglichen Frühableben denken müssen", sagte er. In dieser Phase müssten sich menschliche Solidarität und Sozialstaatlichkeit beweisen. Menschenwürdige hochprofessionelle Pflege sei die richtige Antwort auf das Schreckensbild Demenz.
"Die Patientenverfügung und der assistierte Suizid sind nicht der Ausweg", betonte Klie. Dass eine erschreckend große Zahl älterer Menschen laut Umfragen weit gefassten Sterbehilfe-Bestimmungen wie in den Niederlanden zustimme, liege am mangelnden Vertrauen in die Pflege. "Die älter werdende Welt braucht Zuversicht, dass für sie gesorgt sein wird", forderte er.
Nach Zahlen der Veranstalter der Altenpflegemesse entwickelt sich das Gesundheitswesen zu einem der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren des 21. Jahrhunderts. Allein die Alten- und Krankenpflege sei mit 1,2 Millionen Beschäftigten bedeutsamer als die Automobilindustrie mit 700.000. Dabei führe der Trend weg von Großheimen der Altenpflege hin zu stadtteilnahen Einrichtungen. Pflegehotels oder "Smart Homes", deren intelligente Haustechnik das Verbleiben in der vertrauten Wohnung möglich mache, wurden als weitere Zukunftsmodelle genannt.
Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die bei der Messe vorgestellt wurden, gibt es in Deutschland knapp 2,1 Millionen Pflegebedürftige. 69 Prozent werden zu Hause versorgt, 31 Prozent leben in den 9.700 Pflegeheimen, wobei der Anteil der von professionellen Kräften Betreuten steigt. 47.000 Jobs sind in der Altenpflege in den beiden vergangenen Jahren neu entstanden.


