"Kirche muss mitten in die Gesellschaft hineingehen"
"Kirche muss mitten in die Gesellschaft hineingehen"
Der neue Nürnberger Stadtdekan Körnlein über Ökumene, Sozialpolitik und Gemeinden
Jürgen Körnlein wird neuer Nürnberger evangelischer Stadtdekan. Er folgt damit Michael Bammessel, der das Amt zehn Jahre innehatte und seit Oktober das Diakonische Werk Bayern leitet. Am Sonntag (16. Oktober) führt Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern den 50-Jährigen in sein Amt ein. Dabei trägt Körnlein in der Lorenzkirche, in der er bereits Pfarrer ist, schon eine Amtskette. Denn seit 2006 leitet er das Prodekanat-Mitte.
epd: Herr Körnlein, Sie sind seit fünf Jahren in Nürnberg. Was waren die einprägendsten Momente in dieser Zeit?
Körnlein: Mir liegt der Dialog mit der Stadtöffentlichkeit sehr am Herzen. Bei einer Demonstration habe ich gemeinsam mit Oberbürgermeister Maly vor der Lorenzkirche zum Sparpaket der Bundesregierung protestiert. Oder die kirchliche Antwort auf die "Quelle"-Insolvenz: Da hatten wir innerhalb von zwei Tagen die ganze Ökumene zu einem Gottesdienst beisammen.
epd: Beides waren ja Ereignisse mit großer Außenwirkung...
Körnlein: Daran liegt mir, und darauf freue ich mich in dem neuen Amt. Die Kirche war immer dann stark, wenn ihr die Inkulturation gelungen ist, wenn sie es also geschafft hat, mitten in die Gesellschaft hineinzugehen und dabei als Kirche erkennbar war. Der Papst sieht das ganz anders und empfiehlt den Katholiken den Rückzug ins Innere des Glaubens.
epd: Lauert hier Sprengstoff für die Ökumene?
Körnlein: Die Ökumene in Nürnberg ist seit langem vorbildlich, und ich hoffe, das bleibt so. Wir lassen uns als evangelische Kirche auf Rückzugstendenzen nicht ein, das ist doch ganz klar. An der Basis der katholischen Kirche sehe ich das gleiche gesellschaftliche Engagement wie bei uns. Der Kirchenleitung, namentlich dem Vatikan, würde ich manchmal etwas mehr Mut zur Veränderung wünschen. Im Übrigen ist Ökumene in Nürnberg viel breiter aufgestellt als nur zwischen Katholiken und uns.
epd: Die meiste Zeit werden Sie als Stadtdekan mit der eigenen Kirche beschäftigt sein. Da gibt es viele ernüchternde Statistiken: zurückgehende Mitgliederzahlen, weniger Personal, marode Immobilien. Welche Antworten haben Sie auf diesen Strukturwandel?
Körnlein: Unsere Immobilienlandschaft wurde für 300.000 Evangelische konzipiert. Jetzt sind wir noch 164.000. Das bedingt natürlich Anpassungen. Wir können uns viele Gebäude künftig sicher nicht mehr leisten und müssen genau überprüfen, welches Haus wir behalten und welches wir verkaufen.
epd: Wann kommen die Kirchen dran?
Körnlein: An Kirchengebäuden hängen so viele Emotionen, da will ich so wenig wie möglich hinrühren. Ja, vielleicht muss man in noch mehr Kirchen die Gemeinderäume hineinnehmen. Trotzdem weiß ich nicht, ob wir in zehn Jahren noch alle Kirchen haben werden.
epd: Wo stehen noch Veränderungen an?
Körnlein: Das Wichtigste ist doch, dass die Menschen Lust auf Kirche bekommen oder bewahren. Das wird nicht klappen, wenn jede Gemeinde versucht, alles zu selbst machen. Wir müssen Kooperationen vorantreiben und inhaltliche Schwerpunkte setzen...
epd: ...wie etwa mit der Jugendkirche LUX oder der Aussiedlerarbeit in St. Leonhard.
Körnlein: Das sind tolle Projekte, die etwas für die ganze Stadt bieten. Vor 110 Jahren war es ganz normal, die ganze Stadtgemeinde zu sehen. Heute müssen wir wenigstens dazu kommen, in Gemeindeverbünden zu denken. Wichtig ist, dass die Angebote attraktiv sind.
epd: In Strukturdebatten sind die Nürnberger ja inzwischen geübt.
Körnlein: Aber Strukturdebatten reichen nicht. Ich wünsche mir im Dekanat eine Arbeitsgruppe, die aktuelle und kontroverse Themen aus Gesellschaft und Kirche theologisch hinterfragt. Also: Was bringt die Finanztransaktionssteuer? Oder: Wie entwickeln sich unsere Aussagen zu Jesu Sterben und Auferstehung?
epd: Bleibt Ihnen im neuen Amt noch Zeit zum Marathonlaufen?
Körnlein: Beim Laufen komme ich zur Ruhe und habe die besten Ideen. Letzten Sonntag bin ich erst beim München-Marathon mitgelaufen und war anschließend bei der Verabschiedung des Landesbischofs, frisch geduscht und im schwarzen Anzug. (2219/b111940)


