Mit Ängsten kann man nicht leben
Mit Ängsten kann man nicht leben
Das Wort zum Reformationsfest
31. Oktober - feiern wir da Halloween, oder Reformationsfest? Vor wenigen Jahren war Halloween bei uns nahezu unbekannt. Jetzt ist es von Amerika voll zu uns übergeschwappt. Dabei weiß hierzulande kaum jemand weiß, was da gefeiert wird.
Die keltischen Druiden glaubten, in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November suchten die Toten die Lebenden auf, um ihnen ihre Körper wegzunehmen. Deswegen spukten die Menschen in jener Nacht verkleidet herum, um die Toten zu verscheuchen.
Halloween heute hat das vorrangige Ziel, andere Menschen zu erschrecken. Damit stehen wir im Grunde näher bei der Sache der Reformation, als man denken sollte. Angst haben und Angst eingejagt bekommen, das gehörte zum bestimmenden Lebensgefühl der Menschen jener Zeit, in der Martin Luther (1483-1546) lebte. Und es gab schon damals Geschäftemacher, die von diesen Ängsten profitierten. Das, so war Luther überzeugt, müsse reformiert werden. Mit Ängsten könne man nämlich nicht leben. Das sei verkehrtes Leben.
Als Luther Anfang 20 war, beschäftigte ihn die Frage: Wie mache ich es Gott recht? Was muss ich tun, um vor Gott gut dazustehen? Aus Zeugnissen von Zeitgenossen wissen wir, wie wichtig ihm diese Frage war, wie sehr er sich mühte, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Allem Irdischen wollte er entsagen und nur und ganz und gar für Gott leben. Darum hungerte er, bestrafte sich selbst für sündige Gedanken, verzichtete auf jegliche Bequemlichkeit ? alles, um sich ganz auf Gott hin einzustellen. Um dieses Ziel besser zu erreichen, ging er schließlich ins Erfurter Kloster, genau dort hin, wo wir evangelischen Bischöfe im September den Papst zu einem Gespräch trafen.
Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie mache ich es Gott recht? Sind Luthers Fragen noch unsere Fragen? Oder fragen wir nicht eher: Wie bin ich anderen Leuten recht? Luther beschäftigte sich intensiv mit der Bibel. Und kam beim Studium des Römerbriefs schließlich zu der Einsicht: Wir haben ja ein ganz falsches Bild von Gott! Es ist gar nicht so, dass Gott mit uns abrechnet, dass Gott den Menschen nach seinem Tun und Unterlassen beurteilt und ihn bestraft, wenn er sich schuldig gemacht hat. Es geht gar nicht darum, wie ich es Gott recht mache, sondern dass ich Gott recht bin. Gott ist mir gewogen, weil er nicht auf meine Taten und Untaten schaut, nicht meine Schuld oder meine Leistung in die Waagschale wirft, sondern weil er auf Jesus Christus und dessen Tat blickt.
Im profanen Leben ist es oft anders. Da bin ich in den Augen vieler oft nur etwas wert, wenn ich auch etwas leiste. Und Schuld wird manchmal nicht verziehen. Umso wichtiger ist es, dass bei Gott andere Maßstäbe gelten. Das Angebot Gottes ist Barmherzigkeit. Die Chance des Glaubens ist, dass ich eine Alternative habe, wenn die Welt gnadenlos ist. Es gelten eben nicht nur die Gesetze dieser Welt, sondern auch die Maßstäbe Gottes. Bei ihm finde ich Entlastung, Ermutigung, Vergebung, Angenommen sein ? ohne Bedingung.
Das ist die gemeinsame Botschaft, die wir als Christen, seien wir evangelisch oder katholisch, heute der immer säkularer werdenden Welt gemeinsam geben sollten. Denn seit dem Reformationstag 1999, als die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" in Augsburg unterschrieben wurde, sagen wir dies gemeinsam: Gott nimmt uns an ohne alle unsere Werke, ohne unsere Leistung, allein aus Gnade. Und die Begegnung mit dem Papst vor wenigen Wochen in Erfurt hat dies bestätigt. Der Reformationstag ist spätestens seit 1999 kein Tag der Trennung der Konfessionen, sondern ein ökumenisch wichtiger Tag.
Halloween ist wie vieles, das uns in Angst und Schrecken versetzen will, lediglich Mummenschanz. Die grinsenden Kürbisse sind hohl, es ist nichts drin und nichts dahinter. Dass diejenigen, die an Halloween verdienen, daran interessiert sind, den Brauch am Leben zu halten, ist verständlich.
Dennoch wird, davon bin ich fest überzeugt, das Reformationsfest Halloween überdauern, nicht umgekehrt. Denn das Reformationsfest ist die jährliche Einladung an Evangelische wie an Katholiken, sich unseres Glaubens zu vergewissern und darüber nachzudenken, was das Leben frei macht von allen Ängsten. (2282/20.10.2011)
Johannes Friedrich ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Seine Amtszeit als Landesbischof endet am 31. Oktober. Bis zu seinem Ruhestand wird Friedrich (63) Dorfpfarrer in der fränkischen Gemeinde Bertholdsdorf.


