Weihnachten als letzte Bastion gemeinsamen Singens
Der Würzburger Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs über die musikalische Gestaltung am Heiligabend
Alle Jahre wieder wird an Heiligabend in vielen Familien gesungen. Aber warum eigentlich? Und wieso singen Christen zwar an Weihnachten zu Hause, nicht aber an Ostern oder Pfingsten? Der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Würzburg und hat der Geschichte der Weihnachtslieder sogar ein eigenes Buch gewidmet. Der 1953 in Göppingen geborene Katholik leitet das "Institut für Liturgie- und Alltagskultur" in Hildesheim. Mit Fuchs sprach Daniel Staffen-Quandt.
epd: Herr Fuchs, singen Sie gerne?
Guido Fuchs: Ja, ich singe sehr gerne und viel: vom Choral bis zum Schlager und Swing, allein, mit den Kindern und der Familie oder manchmal auch mit Big Band.
epd: An Weihnachten singt die ganze Familie gemeinsam - warum eigentlich?
Fuchs: Der Heilige Abend - an den Weihnachtsfeiertagen wird ja seltener gesungen - ist seit dem 18. Jahrhundert zum Fest der Familie geworden, zu dem diese auch sich und ihre Traditionen und Werte in den Mittelpunkt rückt. Bis dahin wurde das Weihnachtsfest in den Zünften und vor allem kirchlich begangen.
epd: An Ostern singen wir doch auch nicht vor dem Osterlamm...
Fuchs: Über die Feier des Heiligabends hat Weihnachten einen sehr emotionalen Charakter erhalten, den andere kirchliche Feste bei uns so nicht haben. Ostern ist dafür in der östlichen Christenheit das Fest der Feste. In dieser Hinsicht ist Weihnachten auch einzigartig: Es ist der letzte religiöse Anlass, zu dem in den meisten Familien noch gemeinsam gebetet und gesungen wird und bei dem ein Glaubensbild - die Krippe - im Mittelpunkt steht.
epd: Ist es nicht so, dass viele Weihnachtssänger lieber nur zuhören sollten - zum Wohl der anderen?
Fuchs: Nein, das sehe ich nicht so. Allerdings drücken wir beim Singen immer auch Empfindungen aus - und das fällt, gerade in religiösem Zusammenhang, heutzutage besonders Männern schwer. Daher findet man in vielen Heiligabend-Berichten, dass die Väter nur brummten.
epd: Haben Sie nicht auch ein bisschen Angst um Ihre Ohren, wenn nun wieder die Blockflöten herausgekramt werden?
Fuchs: Die gab's und gibt's bei uns nicht. Wir haben ein Klavier - zum Glück. Wenn ich allerdings so manche Stücke höre, die Anfänger auf dem Weihnachtsmarkt oder in den Fußgängerzonen zum Besten geben zu müssen meinen, rollen sich schon bisweilen die Fußnägel auf.
epd: Die Musikindustrie verdient viel Geld an Weihnachten. Es gibt zig Weihnachts-Popsongs, aber keinen zu anderen christlichen Festtagen.
Fuchs: Das ist richtig, weil man Weihnachten auch ohne spezifisch christlichen Inhalt feiern kann. Es gilt ja auch als Fest des Friedens, der Mitmenschlichkeit, der Liebe, und so weiter. Weihnachten wird sozusagen global auch in nichtchristlichen Kulturkreisen "begangen" und kann entsprechend musikalisch "bespielt" werden.
epd: Wann wird ein Lied zum Weihnachts-Popsong? Reicht da schon ein bisschen Glockengebimmel aus?
Fuchs: Ja, leider. Über die amerikanische Art des "Weihnachtsliedes" werden die "Jinglebells" zum "Jingle" für Weihnachten. Übrigens war "Jinglebells" nicht als Weihnachtslied gedacht, sondern als Winterlied. Erst durch die Aufführung eines Kinderchors im Weihnachtsgottesdienst bekam es den entsprechenden Anstrich - erst dadurch wurden auch die Schlittenglöckchen zum "Weihnachtsinstrument".
epd: Sie haben Weihnachtslieder aus 2.000 Jahren untersucht - was kam dabei heraus?
Fuchs: So lange gibt es das Weihnachtsfest zwar noch nicht gar nicht, aber die Menschwerdung Gottes wurde tatsächlich bereits in einem Hymnus aus der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus besungen. Das erste "Weihnachtslied", das uns überliefert ist, stammt aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts. In seiner Geschichte hat das Weihnachtslied sehr viele Facetten, die nicht nur die Bedeutung dieses Festes in der jeweiligen Zeit widerspiegeln, sondern auch die mit diesem Fest verbundenen Inhalte zum Ausdruck bringen. Weihnachten ist ja ein Fest, das sich nicht nur auf einen Nenner bringen lässt. (2734)