Der Perfektionist verlässt die Bühne

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Perfektionist verlässt die Bühne

Karl-Friedrich Beringer gibt die Leitung des Windsbacher Knabenchores zum Jahresende ab

Seit einem Jahr geht das nun schon so. Karl-Friedrich Beringer macht alles zum letzten Mal. Das letzte Vorsingen, die letzte Reise, das letzte Konzert. Am Abend des 22. Dezember ist wirklich Schluss. Dann endet seine Zeit als Leiter des Windsbacher Knabenchores. In Ansbach dirigiert er letztmals die ersten drei Teile des berühmten Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach. In seinen 34 Windsbacher Jahren hat der bald 64-Jährige "seinen" Chor geleitet, geformt, zu Weltruhm geführt.

Wenn man im letzten Jahr alles irgendwann zum letzten Mal mache, "ist das schon mit etwas Wehmut belegt", erzählt Beringer. Trotzdem sei es gut, nach all den Jahren einen Schlussstrich zu ziehen. Beringer wurde am 7. Januar 1948 in Neuendettelsau geboren, knapp sieben Kilometer von Windsbach entfernt. Er studierte am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg, 1978 übernimmt er im Alter von gerade einmal 29 Jahren den Windsbacher Knabenchor von dessen Gründer Hans Thamm.

Thamm, einst selbst Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor, gründet den Chor 1946 am Schülerinternat in der mittelfränkischen Provinz. Schon zu Thamms Zeiten sorgt der Windsbacher Knabenchor für Furore, singt in immer größeren Konzertsälen, erste Plattenaufnahmen folgen. Doch als der junge Musiklehrer Karl-Friedrich Beringer nach einstimmigem Votum des Chors dessen Leitung übernimmt, katapultiert er ihn binnen weniger Jahre an die Weltspitze. Die Windsbacher sind nun ein Elite-Chor.

Das "Klangwunder aus der Provinz" ist ein Aushängeschild, auch für die bayerische evangelische Landeskirche, deren Einrichtung das Internat samt Chor ist. Für viele sangesbegabte Jungs ist es ein Traum, Teil des Windsbacher Knabenchores zu werden - in der Realität ist es aber vor allen Dingen viel Arbeit. Rund 50 Auftritte müssen die 120 Sänger jedes Jahr absolvieren, die tägliche Probenarbeit ist anstrengend, sie sind viel unterwegs - und eigentlich immer weit weg von ihren Familien.

Der Druck lastet natürlich nicht nur auf den jungen Sängern, sondern auch auf Beringer. Gleichwohl sei es nicht so, dass jetzt "eine schwere Last" von ihm abfalle, sagte er jüngst der evangelischen Wochenzeitung "Sonntagsblatt": "Nein, ich verliere etwas." Die Musik wird Beringer nie verlieren, er wird nicht von ihr lassen können - auch nach seiner Zeit in Windsbach nicht. Das Besondere an der Arbeit mit einem Knabenchor, nämlich "etwas heranwachsen zu sehen", das werde ihm fehlen.

Dass Beringer den - jedenfalls vorläufigen - musikalischen "Ruhestand" überhaupt in Windsbach erlebt, ist keine Selbstverständlichkeit. Am 16. Juli 2004 erreicht das Büro des damaligen evangelischen Landesbischofs Johannes Friedrich ein Beschwerdeschreiben eines Vaters. Der Vorwurf: Misshandlung Schutzbefohlener. Die Staatsanwaltschaft ermittelt - und stellt ihre Untersuchungen ein. Die "schweren Tatvorwürfe" hätten sich nicht bestätigt. Doch immer wieder flammt Kritik an Beringer auf.

Kennern und ehemaligen Sängern des Windsbacher Knabenchores ist nicht erst seit Juli 2004 bewusst, dass Beringer mitunter einen äußerst rüden Tonfall hat. Er ist nicht irgendein Kirchenmusiker. "Er kann triefen vor Hohn, schäumen vor Wut und sich überschlagen vor Zuwendung zu seinen Jungs", wird Beringer im Januar 2005 porträtiert. Kurz danach, in den Faschingsferien, nimmt er sich eine Auszeit. Ans Aufhören, sagt er heute, habe er nie gedacht. Beringer ist Windsbach - und umgekehrt.

Auch wegen dieser symbiotischen Beziehung wird es sein Nachfolger nicht leicht haben. Der ehemalige Dresdner Kreuzchor-Sänger Martin Lehmann übernimmt ab Februar die Leitung der Windsbacher - er tritt in große Fußstapfen, das weiß und sagt auch Beringer. Ein Ensemble auf weltweitem Spitzenniveau zu halten, sei schwieriger als dieses Niveau zu erreichen. Dass er das konnte und kann, wird er am 22. Dezember ein letztes Mal beweisen - zumindest bei den Windsbachern. (2756)

(Artikel vom 15.12.2011)