"Mit zehn Jahren sind die Kinder an die Unterhaltungselektronik verloren"
"Mit zehn Jahren sind die Kinder an die Unterhaltungselektronik verloren"
Der Leiter des Nürnberger Spielzeugmuseum über Bleibendes und Trends bei Spielzeug epd-Gespräch: Jutta Olschewski
Der Leiter des Nürnberger Spielzeugmuseums, Helmut Schwarz, interessiert sich nicht nur für Raritäten aus früheren Zeiten. Er weiß auch über Trends und Traditionen in der Spielzeugwelt Bescheid. Schwarz sperrt auch bei der Internationalen Spielwarenmesse vom 1. bis 6. Februar in Nürnberg Augen und Ohren auf und lässt sich von Neuigkeiten faszinieren.
epd: Welches Spielzeug überdauert die Zeit?
Schwarz: Ich bin versucht zu antworten, dass gutes Spielzeug bleibt. Aber das stimmt nicht immer. Spielzeug muss einfach sein, erschwinglich, kindgerecht und gut verarbeitet sei, dann setzt es sich auf Dauer durch.
epd: Und dann ist das ein gutes Spielzeug?
Schwarz: Der Pädagoge sagt, ein Spielzeug sollte einen Spielwert haben, damit sich immer wieder ein neues Spiel ergibt. In dieser Hinsicht ist "Lego" ein Jahrhundertspiel. Es erfüllt seinen früheren Werbeslogan: Jeden Tag ein neues Spielzeug. Dagegen hat ein Kind bei einer Puppe, die auf Knopfdruck drei Worte spricht, kaum neue Gestaltungsmöglichkeiten. Es will die Puppe selbst zum Sprechen bringen. Spielzeuge, die vielseitig und langfristig einsetzbar sind, die überleben, die gibt man weiter an die nächste Generation.
epd: Hat sich im Laufe der Zeit der spielende Mensch verändert?
Schwarz: Die Bedeutung, die Spielzeug und das Spiel heute haben, wären früher undenkbar gewesen. Bei den Erwachsenen wurde über Jahrhunderte hinweg vor allem im Adel gespielt. Im protestantisch geprägten Bürgertum hatte das Spielen keinen Raum. Aber unabhängig vom historischen Wandel, gibt es ein Grundbedürfnis zum Spielen. Kinder wollen spielen, sehen das Spiel als ihre "Arbeit" an und sind bestenfalls von ihrem Spiel völlig absorbiert. Interessanterweise wollen sie im Spielzeug immer ein getreues Abbild der großen Welt. Es gibt nicht die vom restlichen Leben abgekoppelte Spielzeugwelt.
epd: Was hat sich da getan?
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Material von Spielzeug ungeheuerlich verändert. Heute ist das meiste aus Kunststoff. Ganz wichtig geworden ist auch die Elektronik im Spielzeug. Zum Beispiel die Digitalisierung die Modelleisenbahnen revolutioniert. Der Spielablauf ist realistischer geworden. Die Geräusche der Loks sind Originalgeräusche, die von Soundchips kommen.
epd: Aber es gibt auch immer den Nostalgietrend: Eltern und Paten schenken Kindern Murmeln und Kreisel. Was ist davon zu halten?
Schwarz: Wenn man selber Kinder bekommt, erinnert man sich an die eigenen Kindheit und fragt sich, was haben die Eltern gespielt. Das gibt man dann weiter. Ich selbst stamme aus der sogenannten "Steck- und Klemmgeneration", das heißt, wir hatten Lego und Fischertechnik und ich habe mich gefreut, dass auch meine Söhne gerne Lego spielten.
epd: Und zugleich halten sich in den Altstädten die Läden für Holzspielzeug ...
Schwarz: Das ist ein deutsches Phänomen. Wir Deutschen haben ein besonderes Verhältnis zum Holz und damit zum Wald. Der Umsatz von Holzspielzeug liegt in Deutschland seit Jahren konstant bei fünf Prozent. In der "Holz"-Halle der Spielwarenmesse ist ein Großteil der Aussteller aus Deutschland. Allerdings entwickeln sich die Hersteller immer mehr zu Kleinkindausstattern.
epd: Warum?
Schwarz: Das Spielalter schrumpft und die Buben und Mädchen werden früher "erwachsen". Die Branche kämpft um die Kinder, aber ab einem Alter von zehn, zwölf Jahren hat die Spielwarenindustrie sie oft schon an die Unterhaltungselektronik oder die Handyhersteller verloren.
epd: Also gehen dem Land die Spieler aus?
Schwarz: Nein, da sieht es in Deutschland - zumindest im Spielebereich - ganz gut aus. Denn in keinem anderen Land werden soviel Spiele gespielt wie in Deutschland. Ausländische Gesprächspartner sagen mir immer wieder, dass wir Deutschen dafür bekannt sind, dass wir über Spiele und Spielzeug nachdenken. Bei uns kommen auch anspruchsvolle Spiele mit kompliziertem Regelwerk an. In Deutschland gibt es 180 Spielzeugmuseen allein im 50 Kilometer Umkreis von Nürnberg sind es zehn. Und es existiert eine rege Sammlerszene.
epd: Woher kommt das?
Schwarz: Da wirkt die Geschichte nach. Mehr als die Hälfte der Weltproduktion an Spielzeug wurde vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland hergestellt. Deutschland war auf diesem Sektor das "China in Europa", wenn man an die Billigstlöhne denkt, die damals an die Menschen in den Spielwarenfabriken und in der Heimindustrie bezahlt wurden. In Deutschland wurde alles hergestellt - vom billigsten Spielzeug bis zur Luxusware.
epd: Was finden Sie als Museumsleiter heute auf der Spielwarenmesse interessant?
Schwarz: Die Messe ist ein "Weltkongress der Menschen und Waren", hier tauscht man sich aus, hier erfährt man, welche Trends es gibt. Ich bin jedes Mal neugierig, welche Neuheiten vorgestellt werden. Im Technikbereich faszinieren mich beispielsweise funkgesteuerte Modelle wie Mini-Helikopter. Aber ich suche auch nach Anregungen für unsere Ausstellungen. Die neueste wird "Bärenstark!" heißen und sich mit Tieren in der Spielzeugwelt befassen. (0178)


