Der Fan, das unbekannte Wesen

Interview | epd - Landesdienst Bayern

Der Fan, das unbekannte Wesen

Würzburger Sportwissenschaftler Harald Lange gründet interdisziplinäres "Institut für Fankultur"

Rechtzeitig zum Beginn der Rückrunde in der ersten Fußball-Bundesliga vergangenes Wochenende hat sich in Würzburg und Köln das "Institut für Fankultur" gegründet. Harald Lange, Sportwissenschafts-Professor an der Uni Würzburg, will mit Kollegen aus anderen Fachrichtungen dem Phänomen "Fan" auf den Grund gehen. Vorerst wollen sie sich der wohl größten deutschen Fan-Gruppe widmen - den Fußball-Anhängern.

epd: Herr Lange, wie ist er denn so, der deutsche Fußball-Fan?

Harald Lange: Der Begriff Fan ist ziemlich ausladend. Da gibt es heiße Debatten, wer nun ein richtiger Fan ist und sich so nennen darf. Das reicht von der Familie, die ins Stadion geht, über den, der ab und zu mal ein Spiel im Fernsehen sieht, bis hin zu denen, die jedes Wochenende mit Leidenschaft immer in derselben Stadionkurve stehen.

epd: Sie wollen mit Ihrer Arbeit dem Fan wissenschaftlich auf den Grund gehen. Weshalb eigentlich?

Lange: Mich als Wissenschaftler macht dieses Phänomen "Fan" neugierig, das will ich untersuchen. Wichtig ist für mich dabei, Strukturen zu erkennen, Hintergründe aufzudecken und Dynamiken nachzuvollziehen, um daraus Prognosen ableiten zu können.

epd: Ihnen behagt das Bild des "gewaltbereiten" Fußball-Fans nicht. Aber den gibt es nun einmal?

Lange: Das Spektrum an Verhaltensweisen ist bei Fußball-Fans genauso breit wie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die gewaltbereiten Fans sind derzeit so auffällig und medial präsent, dass sie das öffentliche Bild des Fußball-Fans an sich prägen. Das ist aber eine sehr einseitige Sicht.

epd: Weil...?

Lange: ...die große Mehrheit der Fußball-Fans friedlich ist und weder im Stadion während des Spiels, noch vor oder danach irgendeinen Blödsinn macht.

epd: Sie wollen mit Ihrer Arbeit die Stadien sicherer machen. Wie soll das gehen?

Lange: Selbst können wir das natürlich nicht. Konkret umsetzen müssen das die Verantwortlichen in der Liga und den Vereinen. Was diejenigen aber brauchen, um sinnvolle Sicherheits-Entscheidungen treffen zu können, sind verlässliche, wissenschaftliche Daten - und die wollen wir liefern.

epd: Das Institut beschäftigt sich nur mit Fußball-Fans. Wieso nur eine Sportart?

Lange: Letztlich interessiert uns das Phänomen insgesamt, das würde auch andere Sportarten oder Anhänger einer bestimmten Musik-Band mit einschließen. Aber die Fußball-Fans sind derzeit die größte und auch die auffälligste Gruppe, deshalb ist es naheliegend, sich erst einmal schwerpunktmäßig mit ihnen zu beschäftigen.

epd: Schwule Profifußballer outen sich nicht aus Angst vor ihren "Fans" - können die eigenen Fans auch eine Bedrohung sein?

Lange: Fans machen einem zum Star, sie können einen aber auch fallen lassen. Aber: Das ist eine schwierige und komplexe Frage, auch weil Aussagen wie "Ich habe Angst vor den Fans" sehr schwammig sind. Das zeigt, wie wichtig es ist, mehr über Fans und ihre Kultur herauszufinden: Welche Fans sagen was, aus welchem Grund und in welcher Situation? Ob sich ein Fußballprofi traut, sich als schwul zu outen oder nicht, hängt aber nicht nur an seinen Fans, sondern am gesamten sozialen Umfeld.

epd: Sie sind selbst bekennender Fußball-Fan?

Lange: Ja, das schon - aber nicht auf einen bestimmten Bundesligisten bezogen. Es gibt mehrere Vereine, für die ich Sympathien hege - aber welche das sind, behalte ich für mich. Sonst sagt noch einer, ich sei nicht objektiv. Ein wirklich großer Fan bin ich allerdings von der deutschen Frauen-Fußballnationalmannschaft!

epd: Nach der Gründung des Instituts, wie waren die Reaktionen im Profifußball und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB)?

Lange: Wir haben unsere Pläne bis zum Gründungstag nicht öffentlich gemacht, deshalb wussten auch die Clubs und der DFB nichts davon. Die müssen jetzt sicher selbst erst einmal sondieren, wer wir sind, was wir wollen und sich überlegen, ob sie mit uns arbeiten wollen.

epd: Es gab schon Fanclubs, die sich als Studienobjekt angeboten haben. Interessanter sind aber doch die, die sich nicht melden...

Lange: Das ist eine Frage der Perspektive, was alles interessant ist. Es haben sich in der Tat einige gemeldet, die sind neugierig, was wir wissen wollen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Wir wollen transparent und offen arbeiten, nicht im Geheimen - sonst vertraut sich uns ja keiner an. Wir sind darauf angewiesen, dass die Leute mit uns zusammenarbeiten.

epd: Das mag bei normalen Fanclubs funktionieren, aber doch nicht bei beispielsweise gewaltbereiten Hooligans...

Lange: Bislang wurden Hooligans vor allem aus der Distanz betrachtet, man spricht über sie, nicht - oder nur äußerst selten - mit ihnen. Wir bieten ihnen nun die Chance, dieses öffentliche Bild überprüfen und gegebenenfalls auch korrigieren zu lassen, wenn es nicht stimmt. Dazu müssten sie mit uns kooperieren, der Ball liegt also auf deren Seite! Bei den Ultras ist die Situation eine andere, die öffnen sich und zeigen, was sie tun. Das müssen sie, weil sie nur im negativen Kontext auftauchen. Viele Medien zeichnen da ein stereotypes Bild, das nur die schlechten Seiten der Ultra-Szene zeigt.

epd: Was gibt es denn Positives an Ultras im Fußballstadion?

Lange: Es gibt viele Ultra-Gruppen, die auch Jugendliche mit einbinden - und sie nicht nur auf Krawall bürsten. Diese ganzen Choreographien, die in Stadien stattfinden, das ist schon eine Art informelles Lernen - uns als Wissenschaftler interessiert daran: Wie kommt das zustande, wie wird das geplant? Da steckt Arbeit dahinter, in gewisser Weise Sozialarbeit...

epd: Sie haben das Institut ohne Zuschüsse und Planstellen gegründet. Woher kommt dieser Idealismus?

Lange: Unser Institut ist - noch - ein rein virtuelles. Aber weil wir alle das Thema so spannend finden, sind wir bereit, in der Freizeit zu forschen.

epd: Das Institut arbeitet nicht nur sportwissenschaftlich, sondern interdisziplinär. Weshalb?

Lange: Weil eine rein sportwissenschaftliche Sicht viel zu undifferenziert wäre, um das Phänomen "Fan" zu erfassen. Wir verbinden Philosophie, Politikwissenschaft, Sportwissenschaft, Kriminologie und so weiter. Nur mit einem breiten Profil kann man in diesem Bereich fundiert forschen. Wir sind auch immer für Perspektiven, Fragestellungen und Sichtweisen weiterer Wissenschaften offen. (0184)

(Artikel vom 25.01.2012)