logo
Veröffentlicht auf EPV - Evangelischer Presseverband für Bayern (http://www.epv.de)

Schreiben wie die Mönche

Schreiben wie die Mönche

Zu ihrem Reformationsjubiläum schreiben Ortenburger die Bibel ab

Die evangelischen Christen im niederbayerischen Ortenburg feiern 2013 ihr Reformationsfest. Am 17. Oktober 1563 hatte Joachim Graf von Ortenburg Luthers Lehre in der einstigen Grafschaft eingeführt. Zum Bibelsonntag am 29. Januar gibt es wieder einen "Bibelabschreibtag" im evangelischen Gemeindehaus.

In dem Projekt, bei die Bibel abgeschrieben wird, sieht die 21-jährige Lisa Bever eine gute Gelegenheit, sich mit einem Teil der Heiligen Schrift zu beschäftigen. "Ich finde es schön, da mit zu machen", sie genieße das Schreiben. Auch Maja Günther aus der Klasse 4a der Grundschule Ortenburg machte gern mit. Die Neunjährige hat eine Bibelstelle aus dem Neuen Testament abgeschrieben, die sie noch nicht kannte, und erinnert sich: "Ich habe mich dabei ganz gut gefühlt."

Beim Schreiben der Bibel arbeite man hoch konzentriert. "Es ist wie eine Art Meditation", berichtete Karl Salomon (53). Man beschäftigte sich intensiver mit dem Text, "wenn man selbst schreibt." Der Architekt bemühte sich, "schön zu schreiben", zündete sich eine Kerze an und wählte ganz bewusst eine Zeit dafür aus, in der er sich "ganz entspannt" fühlte. Seine Passage gehörte zu den Paulusbriefen der Apostelgeschichte und enthielt viele geografische Begriffe. Weil er damit nichts anfangen konnte, recherchierte er im Internet, um die damals "schwierigen" Reisen nachzuvollziehen.

"Es hat mir Spaß gemacht, in der Gemeinschaft mitzuwirken", so Thea Scheuchl. Die 73-Jährige hat einen Teil der Bergpredigt abgeschrieben - und sie möchte noch eine weitere Bibelstelle übernehmen, damit das "Gemeinschaftswerk" gelingt. Es bereite ihr Freude, "die Bibel hervorzuholen und darin zu schmökern."

Die Idee sei spannend und das Projekt außergewöhnlich, meint dazu Michael Schäufl. Deshalb hat er sich als Katholik an dem "kuriosen" Unterfangen beteiligt, die Lutherbibel auf diese Weise zu vervielfältigen. Man setze sich auch mit den Abschnitten davor und danach auseinander. "Das Abschreiben zwingt, die Bibelstelle intensiver zu lesen", hat der 43-Jährige festgestellt.

Das Ortenburger Projekt nimmt bereits Form an: Allein 60 Bibelfreunde haben für das Matthäus-Evangelium zur Feder gegriffen. Apostelgeschichte, Jakobus- und Judasbrief, die Paulusbriefe an Galater und Epheser sind schon fertig. Initiatorin des Vorhabens zum Reformationsjubiläum ist Pfarrerin Sabine Hofer.

Um die 450-jährige Kirchengeschichte lebendig werden zu lassen, plant die Marktgemeinde zudem eine Ausstellung zu 450 Jahre Evangelischer Glaube im "Klosterwinkel". Die Besonderheit Ortenburgs ist die reformatorische Tradition der Gemeinde: Seit Einführung der Reformation im Jahre 1563 ist Ortenburg ein evangelischer Ort mitten im katholischen Bayern geblieben.

Weil es der Kirchengemeinde aber nicht möglich ist, die sehr wertvollen "Ortenburger Bibeln", die Gräfin Ursula von Fugger in die Ehe mit Graf Joachim brachte und die im Deutschen Historischen Museum in Berlin aufbewahrt werden, zu zeigen, haben Kirchengemeinde und Kindergarten im vergangenen Jahr die Idee entstanden, eine eigene Ortenburger Bibel zu schreiben. Sie fand riesigen Anklang. Seither schreiben Ortenburger Bürger von der Schülerin bis zum Senior, Verwandte und Gäste an dem Werk.

"Viele lassen sich davon anstecken", freut sich die Pfarrerin. So hätten Familien aus Oberammergau und Augsburg schon mitgeschrieben. Weitere Bibelschreiber kämen aus München. Auch Wolfgang Hofer aus Nürnberg, Vater des kürzlich verstorbenen Pfarrers Johannes Hofer, verewigte sich in der Ortenburger Schrift. Eine Klasse der Evangelischen Realschule Ortenburg übernimmt mit Lehrer Harald Landspersky ebenfalls ein Kapitel.

Die Fäden hält Pfarrsekretärin Gudrun Eppner zusammen. Sie erstellte für jedes Buch des Neuen Testaments einen Ordner mit einem Register und unterteilte die Bibeltexte in verschiedene Abschnitte. Die Bibelfreunde können sich ihre Lieblingsstelle aussuchen und sich dann in die Namensliste mit Alter und Beruf eintragen. "Wer mitmachen möchte, kriegt Utensilien, Papier und einen Stift, den man radieren kann", sagt Gudrun Eppner. Verwendet wird ein besonderes, beidseitig beschreibbares Recyclingpapier. Im April 2013 wollen die Ortenburger dann im Kantorhaus ein schönes gebundenes Bibelbuch präsentieren. (0185)

(Artikel vom 25.01.2012)

URL:
http://www.epv.de/node/9751