"Fußball hat als Massensport gesellschaftliche Aufgabe"

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

"Fußball hat als Massensport gesellschaftliche Aufgabe"

Zwei Lehrer und ein Diakon trotzen Fußball Liga Gedenken an Nazi-Opfer ab (Korrespondentenbericht)

Von Heinz Brockert (epd)

Hartnäckigkeit für die gute Sache zahlt sich aus. Das durften jetzt zwei Münchner Religionslehrer und ein Diakon an der Evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau erfahren. Nach einem Jahr Drängen und Bohren hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) ihren Vorschlag für eine offizielles Gedenken an die Opfer der Nazi-Diktatur in den Stadien der deutschen Profiligen aufgegriffen.

Mit Rundschreiben von Generalsekretär Wilfried Straub hält die DFL die Vereine an, am zweiten Spieltag der Rückrunde (29.-31. Januar) einen Text "Gedenken, um nicht zu vergessen" als Stadiondurchsage zu verbreiten und in den Stadionzeitungen Gedenkartikel an die Überwindung des Nazi-Terrors vor 60 Jahren und speziell die Befreiung des größten KZ in Auschwitz am 27. Januar zu publizieren.

"Der Fußball hat als Massensport auch eine gesellschaftliche Aufgabe und eine stärkere Durchschlagskraft als andere gesellschaftliche Gruppen, gerade bei Jugendlichen", begründet der evangelische Diakon und Berufsschullehrer Eberhard Schulz (München) die Aktion. Mit seinem katholischen Kollegen Burkhard Samson (München) und dem Dachauer Diakon Klaus Schultz hatte er nach einem Gottesdienst in der Gedenkstätte Dachau vor einem Jahr die Aktion konzipiert und Unterschriften bei den Gottesdienstbesuchern gesammelt. Vorbild war eine Gedenkaktion italienischer Fußballprofis, Schiedsrichter und Linienrichter zum offiziellen internationalen Gedenktag für die Nazi-Opfer am 27. Januar 2004.

Eine Anfrage an den DFB, die DFL und die Bundesliga-Manager Allofs, Assauer, Hoeneß, Maier und den damaligen Manager und Trainer Magath wurde zunächst wie eine heiße Kartoffel hin und her gereicht. Am 13. September schrieb DFB-Generalsekretär Straub an die Initiatoren, dass "wir die Initiative grundsätzlich positiv bewerten". Allerdings sollte sie nicht vom Fußball alleine, sondern "vom Sport in seiner Gesamtheit getragen werden". Es wurde aber zugesagt, an die Profivereine aus Anlass des Gedenktages für die Nazi-Opfer 2005 "geeignete Texte" zu versenden. Dem kam die DFL jetzt kurzfristig mit einem Rundschreiben am 17. Januar nach, das am Donnerstagabend von den Initiatoren der Aktion dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit den anderen Materialien übergeben wurde.

Der Deutsche Sportbund (DSB) hat sich mittlerweile ebenfalls positiv zu der Aktion geäußert. Bei einem Gespräch der Kontaktkommission Kirche-Sport am 8. März 2005 in Frankfurt sollen konkrete Vorschläge erarbeitet werden. Die deutschen Sportvereine und Sportverbände gehörten zu den ersten, die sich von den Nazis nach deren Machtergreifung 1933 gleichschalten ließen, erinnert Eberhard Schulz. Nur wenige leisteten hinhaltenden Widerstand wie der damals als "Judenverein" verschriene FC Bayern in München.

Jetzt macht die Konkurrenz von 1860 München in vorderer Reihe durch ihren Fan-Club "Löwen-Fans gegen Rechts" bei der Gedenkaktion mit. Beim Heimspiel gegen Erzgebirg Aue am 30. Januar wird ein Spruchband gegen Antisemitismus und Rassismus im Stadion entrollt. Der frühere 1860-Fußballer Ernst Grube, der das KZ Dachau überlebte, soll in der Halbzeit ein Wort an die Zuschauer richten. Jakob Krieger von den "Löwen-Fans gegen Rechts" hat angeregt, dass die Spieler das Anti-Rassismus-Spruchband aufs Spielfeld tragen. Eine Antwort der Vereinsführung steht noch aus.

(Artikel vom 21.01.1995)